Ein unheimlicher Besucher in der Nacht

Veröffentlicht: 22. Mai 2009 in Freizeitgestaltung, Gelaber

Am Montagabend hatte ich sturmfreie Bude und große Pläne warfen ihre Schatten voraus. Kurz nach Sonnenuntergang war ich bereit für einen gemütlichen Abend am Rechner. Das neue Selig-Album hören, später vielleicht im Wohnzimmer etwas auf dem Klavier rumklimpern.
Ich brachte meinen leeren Teller in die Küche, füllte mein Glas mit einer netten Mischung und machte mich auf den Rückweg ins Arbeitszimmer. Im Flur flog etwas Schwarzes über meinen Kopf. Ich sprang ins Arbeitszimmer und knallte die Tür zu. Was zum Geier war das?
Durch einen Spalt sah ich wieder etwas fliegen, dicht unter der Decke entlang, schnell, mit einer Flügelspanne so lang wie meine Hand. Ein mutierter Falter. Toll. So hatte ich mir meinen Abend vorgestellt.
Die nächste Stunde verbrachte ich hauptsächlich hinter der Tür, den Blick durch einen Türspalt in den Flur geheftet. Meine ganze Hoffnung waren nun die Katzen. Professionelle Jäger, was so ein Viehzeug betraf. Doch das schwarze Ungetüm war schnell. Und erstaunlich leise. Motten, besonders die großen, machen sonst Krach. Flattern, bleiben mal an der Wand sitzen. Dieses Monster segelte immer wieder den Flur auf und ab. Verschwand mal im Wohnzimmer und mal im Schlafzimmer. Die Katzen hinterher. Manchmal war es minutenlang still, aber ich traute mich noch nicht hinaus. Um nichts in der Welt wollte ich das Teil in meinen Haaren. Mutig band ich mir ein Tuch um den Kopf. Weil es so lang war, auch noch um den Hals und die untere Gesichtshälfte. So vermummt öffnete ich die Tür und Darlene starrte mich so verständnislos und misstrauisch an, wie eine Katze nur gucken kann. Das Flattertier drehte eine weitere Runde und ich verschwand wieder.
Es war Zeit für eine neue Taktik, um die Jagd zu beschleunigen. Ich machte das große Licht im Flur aus und stellte eine kleine aber helle Lampe auf den Boden. So sollten die Katzen besser rankommen. Außerdem wollte ich endlich wissen, mit was für einem Monster ich es hier zu tun hatte. Es fühlte sich langsam an, als wäre ich in Kings „Nebel“ geraten, wo Menschen in einem Supermarkt von mutierten Insekten attackiert werden. Vielleicht war es ja doch eine Fledermaus und keine Motte?
Ich holte mir eine kurze moralische Unterstützung vom Liebsten über das Telefon.
Derweil segelte das Tier weiterhin mit einem Affenzahn dicht unter der Flurdecke hin und her. Mein neues Lichtarrangement interessierte sie nicht besonders. Die Katzen begannen sich zu langweilen. Minutenlang sah und hörte ich nichts. Dann flog es wieder vorüber und ich hörte die Jagdgeräusche meiner felligen Falterfighter.
Und irgendwann war endlich Stille. Beide Katzen schlenderten entspannt und zufrieden herum. Schön, also war der Spuk wohl endlich vorbei. Ich machte mich auf die Suche nach Überresten der Megamotte. Sicherte mit den Augen jeden Raum, bevor ich eintrat, war immer auf dem Sprung.
Dann sah ich sie.
Hinter der Schlafzimmertür auf dem Boden. Sie sah aus, wie eine schmale Vogelspinne. Eine kleine Fledermaus saß da und rührte sich nicht.
Das nenn ich Entertainment: Beide Katzen hatten nämlich in dieser Nacht Geburtstag, Darlene vor Mitternacht, Spike nach Mitternacht, die wir mittlerweile überschritten hatten. Bei Kindern besorgt man für die Geburtstagsfeier einen Clown, hier sorgte eine Fledermaus für die Unterhaltung.
Aus der Küche holte ich den durchsichtigen Deckel vom Eierkocher, der einzige Deckel mit kleinem Luftloch, der mir auf die Stelle einfiel, und beschwerte ihn mit einem Türstopper.

Wieder kurzes Telefonat mit dem Liebsten. Suche nach Rat im Internet. Was macht man mit einer Fledermaus in der Wohnung? Einige hatten die Feuerwehr angerufen. Ich wählte 112. Am anderen Ende meldete sich eine gelangweilt klingende Frau. Ich schilderte kurz meine Situation. „Das ist doch ganz normal“, meinte sie noch gelangweilter (anstatt sich zu freuen, dass mal jemand nicht verzweifelt stotternd einen Wohnungsbrand melden möchte). „Machen Sie das Fenster auf, dann fliegt die schon raus. Wenn sie morgen früh noch da ist, können Sie sich ja noch mal melden.“
Super, genau diese Hilfe hatte ich mir erhofft. Die Frau klang, als hätte ich von einer Mücke gesprochen.
Also Plan B. Die Spinnenvariante, bzw. in diesem Fall die Superheldenvariante: Pappe unter den Deckel schieben und damit das Tier aus dem Fenster befördern. Es ging leichter als erwartet, die kleine schwarze Maus war wohl ziemlich erschöpft. Wie ein Häufchen Elend saß sie auf der Pappe, die ich auf das Fensterbrett legte und schnell den Deckel öffnete. Sie drehte sich um und fiel herunter. Wird sich wohl im Fall gefangen haben und weggeflogen sein, so meine Hoffnung.
Am nächsten Morgen nach der viel zu kurzen Nacht sah ich sie nicht auf dem Gehweg.
Doch am Abend, als ich aus der anderen Richtung kam. Da lag sie, regungslos, dicht neben einem Stromkasten. Fuck!
In meiner Vorstellung war mein winziger Vampir erleichtert in die Nacht geflogen und hatte den Tag irgendwo im Dunklen rumhängend verbracht. Und nicht neben Stromkasten am Straßenrand. Tod.
Als ich ein paar Stunden später aus dem Fenster sah, lag sie nicht mehr an der selben Stelle, sondern ein paar Zentimeter entfernt. Sie lebte! Rein in die Schuhe und runter. Da konnte sie nicht liegen bleiben, wo sie Gefahr lief, von einem Fußgänger zertreten oder einem Hund angepinkelt zu werden, wo sie versehentlich auf die Straße hätte krabbeln können. Wir brachten sie auf den Hinterhof, in eine wildbewachsene Ecke. Einen Teelöffel voll Katzenfutter daneben, sollte sie Hunger haben. Ich dachte mir, dass sie etwa den selben Speiseplan wie ein Igel haben wird.
Im Bett kamen mir allerdings Zweifel, ob das so eine gute Idee war; was, wenn ich damit Ratten oder wilde Katzen angelockt hatte?
Am nächsten Morgen hatte sie sich wieder um einige Zentimeter bewegt. Und lebte weiterhin. Das Futter war weg.
Irgendwas mussten wir tun. Mein Lieblingsmensch und persönlicher Held rief von Arbeit aus beim Tierarzt an, bekam die Adresse vom Wildvogelschutz und brachte sie in der Mittagspause dort hin. Es sieht wohl ganz gut für sie aus, zumindest ist sie jetzt in den richtigen Händen.

Happy End! 🙂

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