Ein alter Held am Horizont

Veröffentlicht: 25. März 2011 in Neuerscheinungen, Rezensionen, Wortschatz

Ich hatte ihn schon vor Jahren aufgegeben. Ich hatte ihm immer wieder eine neue Chance gegeben, aber konnte ihn nicht finden, weder in noch zwischen den Zeilen. Ich liebe seine Schreibmelodie, seine Melancholie, seine Leidenschaft, seine gelegentliche Überheblichkeit, den Blick für das Große im Kleinen und umgekehrt. Mir ist selten ein Autor in die Finger gekommen, dessen Schreibe so kraftvoll und lebendig war.

Und ich mag diese Absätze von ihm, wo jeder Satz mit einem „Ich“ beginnt. Sie sind wie der Refrain in einem Lied, wenn die Musik lauter und intensiver wird, die Stellen, die einem später noch am längsten im Gedächtnis nachklingen.

Eine Zeitlang dachte ich, dass man vielleicht dem Übersetzer die Schuld geben könnte. Denn die Qualität seiner Romane nahm rapide ab, als Michael Mosblech durch Uli Wittmann ersetzt wurde.
Doch es waren wohl die Geschichten, die einfach schlechter waren. Daraus kann auch der beste Übersetzer kein Kunstwerk basteln. Trotzdem hätte ich wahnsinnig gern den Vergleich gehabt! Wer weiß, was Mosblech daraus gemacht hätte…

Und nun kamen also „Die Leichtfertigen„:

Mit sechzig wollte ich von gewissen Dingen nichts mehr hören. Ich sehnte mich nach Ruhe und Frieden. Ich wollte lesen, Musik hören, am frühen Morgen in den Bergen oder am Strand spazieren gehen. Mich um Kinder kümmern, auch wenn sie mein eigen Fleisch und Blut waren, wie Judith mir gern in Erinnerung rief, interessierte mich so gut wie gar nicht mehr. Ich war auch nicht mehr der Jüngste, und ich hatte mich seinerzeit um Alice und ihre Schwester gekümmert und war überzeugt, das gesamte Spektrum der möglichen Erfahren schon gemacht zu haben – meine Zeit war kostbar, auch wenn ich praktisch keine Zeile mehr schrieb.“ (S. 6)

Schon auf den ersten Seiten wurde klar, dass dieser Roman wieder qualitativ näher an DER (ersten) Trilogie ist, dass man hier, nach den Enttäuschungen der letzten Jahre, endlich einen echten Djian in den Fingern hält.
Wieder ein Schriftsteller, der sich mit problematischen Frauen und der Arbeit an einem Roman herumschlägt. Er wohnt am Meer. Er ist nicht mehr Mitte 30 und heißt Philippe/Zorg, sondern 60 Jahre alt und heißt Francis. Seine Frau und seine Tochter sind vor ein paar Jahren bei einem Autounfall verunglückt, seine andere Tochter ist plötzlich verschwunden und hinterlässt einen Ehemann und Zwillinge, die zwischenzeitlich bei ihm unterkommen, und er befürchtet, dass seine zweite Frau eine Affäre hat. Dann ist da noch die von ihm beauftragte Privatdetektivin und ihr Sohn, der einen Tankstellenangestellten ermordet haben soll…
Und Francis möchte eigentlich nur endlich in Ruhe seinen Roman schreiben.

Vielleicht könnte man Djians neuen Roman mit einem Wein vergleichen: Er ist nicht mehr so federleicht und fruchtig wie früher, sondern etwas schwerer und trockener, aber auf jeden Fall ein Genuss!

Prost!

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