Archiv für die Kategorie ‘Gelaber’

Ich will nicht behaupten, dass es damals besser war als heute. Im Nachhinein ist die Vergangenheit oft Ansichts- und meistens Stimmungssache. Wenn ich mich mal 20 Jahre zurück denke, klingt das jetzt gerade so:
Es gab mal eine Zeit, in der man sich keine Playlists zusammengestellt hat, sondern Tapes aufgenommen hat. Später waren es gebrannte Mix-CDs.
Aber am schönsten fand ich die Tape-Phase. Wo man vor der Anlage saß und an Reglern geschoben, Knöpfe gedreht, Übergänge ausgesucht, ein- und ausgeblendet hat, gespult, gespult, gespult und den Atem angehalten hat, ob das Stück noch komplett auf die Seite passt. Momente, in denen ein paar Sekunden über Frust oder Erleichterung entscheiden konnten.

Ohne meinen Walkman habe ich nie das Haus verlassen und hatte Kassetten für jede Stimmung, für jedes Wetter, für jede Lebenslage. Ich möchte nicht glauben, dass die Musik wirklich damals besser war. Da würde man den vielen talentierten Musikern, die es zweifellos immer gibt, Unrecht tun. Ich denke, dass ich heute etwas faul bin, um neue geniale Gruppen zu entdecken und nicht, dass es nur noch seelenlose Plastikmusik gibt, dass Plattenfirmen wirklich nur noch massentaugliche Ware veröffentlichen.
Musik ist eine Massenware geworden, weil man sie auf so vielen Wegen (oft kostenfrei) in unglaublich großen Mengen sofort zur Verfügung hat. Die Qual der Wahl, der Überfluss… und dadurch etwas fehlende Wertschätzung.

Damals lief die Musikbeschaffung noch anders ab. Man machte sich auf den Weg in einen Laden, wo man das Objekt der Begierde oft bestellen und Wochen darauf warten musste. Man stöberte auf dem Flohmarkt. Man lieh sich Platten und CDs bei Freunden aus. Heute hat man mit ein paar Klicks sofort alles, was das Herz begehrt.

Ich erinnere mich an Abende und Nächte, die man auf dem Fußboden vor der Anlage verbrachte, in denen man umgeben von Platten, CDs, Flaschen, Gläsern und vollen Aschenbechern auf dem Teppich saß, allein oder als 2-Mann-Feten, und an deren Ende eine kleine perfekte Kassette geboren war, die man dann am Morgen auf dem Heimweg hörte, während man müde im fast leeren Bus saß oder durch die frische Morgenluft stiefelte und Liedübergängen entgegenfieberte, die einem in der Nacht so viel Zeit und Nerven gekostet hatten.

Ich erinnere mich daran, wie ich Abende lang darauf gewartet hatte, dass ein bestimmtes Musikvideo im Fernsehen gespielt wurde. Der Fernseher lief über Stunden stumm (damals wurde auf MTV und VIVA wirklich noch Musik gesendet!), auf der Anlage meine Musik, aber die Fernbedienung lag griffbereit. An Quellen wie YouTube war noch nicht zu denken.

Warten. Hoffen. Geduld. Und es genießen, wenn man ES dann endlich mal wieder sehen und hören konnte. Man konnte nicht einfach „One“ und „Metallica“ in die Suchmaske eingeben, wenn man Bock darauf hatte, jetzt mal schnell genau das Video zu sehen.

Hatte man sich ein neues Album gekauft, hat man es ein paar Mal hintereinander gehört, das Booklet durchgeblättert, jedes Wort gelesen, jedes Bild studiert. Es gibt da eine Szene in dem Film „Velvet Goldmine“, in dem Christian Bale sich genau so eine frischgekaufte Platte anguckt. Ich liebe diese Szene, weil sie das Feeling perfekt einfängt. Leider gibt es das nicht als Ausschnitt auf YouTube zu finden. (Stellvertretend hier eine andere Lieblingsszene aus diesem grandiosen Musikfilm:)

Hat mir Musik früher mehr Spaß gemacht?

Keine Ahnung. Ich hab noch immer Spaß daran, mir die Stücke anzuhören oder solche Videos zu gucken. Nur ist ein großer Anteil eben das, was ich schon damals gehört und geguckt habe. Das ist dann so wie das große Doppelwohlfühlpaket: Der genussvolle Konsum von Musik, die ich mag, gepaart mit den Erinnerungen und Stimmungen, die ich seit so vielen Jahren damit verbinde. Da weiß man, was man hat. Und neue Sachen haben es oft schwer, daneben zu bestehen. Hat man vielleicht nur einen bestimmten Speicherplatz in sich, der einfach über die lange Zeit so gut gefüllt ist, dass man zufrieden und satt ist? Ich weiß, was ich hören will, wenn ich fröhlich, traurig, nachdenklich, entspannt oder aufgedreht sein möchte.
Aber manchmal meldet sich da so eine leise Stimme, die nach Neuem ruft und mir zum Thema Musik Faulheit und Bequemlichkeit vorwirft.

Recht hat sie! Es ist zwar nicht so, dass ich nur alte Sachen höre, aber der Anteil ist schon sehr hoch. Also nehme ich mir jetzt einfach mal vor, die Augen und besonders die Ohren wieder aufzusperren und auf Entdeckung zu gehen. Mal den inneren Musikspeicher auszumisten und mit neuen Stücken zu befüllen. Versprochen!

Sollte ich jemals die Situation erleben, dass ich nur ein Buch aus der brennenden Wohnung retten kann, würde ich nicht lange überlegen: „Erogene Zone“ von Philippe Djian.

djian
Es gibt kein Buch, in dem ich öfter gelesen habe, als in diesem ersten Teil von Djians Trilogie über den Schriftsteller Zorg. Es sieht mitgenommen aus und fühlt sich an, wie eine alte Lederbrieftasche, die man seit Jahren täglich bei sich trägt: Weich, abgerundet, vertraut und etwas schmuddelig. Es ist ein treuer Gefährte auf Reisen, auch im Alltag wandert es noch heute alle paar Monate mal durch die Wohnung, und das seit bald 20 Jahren, also mein halbes Leben.
Ich kann mich bei vielen Büchern daran erinnern, wie ich sie gekauft und gelesen habe. Meistens nur kleine Szenen, kurze Gedankenfetzen. Bei „Erogene Zone“ kann ich im Kopfkino den halben Tag dazu abspielen, so genau hat sich der Kauf und besonders das Lesen der ersten Seiten eingebrannt, weil es mich sofort aus den Socken gehauen hat. Sowas hatte ich bis dahin noch nicht gelesen, ich war so begeistert, elektrisiert, wie nur selten in meinem Leben. Leider bin ich auch schon dahinter gekommen, dass mit fortschreitendem Alter solche Momente immer seltener werden, weil man einfach schon so viel kennt und es nicht wirklich viel Neues gibt. Bekanntes wiederholt sich nur in neuer Zusammensetzung oder mit neuem Anstrich.
Ich denke, dass etliche seiner Leser aus dieser Zeit es ähnlich empfinden. Djian hat uns mit späteren Romanen oft enttäuscht, weil wir einfach die Stimmung in dieser Trilogie geliebt haben. Es ist wie ein wunderbares melancholisches Lied über das Leben, Freiheit und Leidenschaft, bei dem man sich einfach gut und lebendig fühlt, wenn man es hört. Und darum ist es so, wie bei einem Musiker, der vor vielen Jahren eben dieses eine Lied hatte, das alle noch Jahrzehnte später bei jedem Konzert lautstark fordern und mit dem größten Applaus und Jubel belohnen. Und das er vielleicht selbst mittlerweile hasst, weil er ständig daran gemessen wird.
Und nun ist die „Erogene Zone“ von Phillipe Djian vergriffen. Da mag so manch einer sagen, dass die Vergleiche hinken, aber für mich fühlt es sich so an, als hätte ich gerade erfahren, dass „Der Fänger im Roggen“, „On the Road/Unterwegs“ oder der „Steppenwolf“ vergriffen sind.
Lieber Diogenes Verlag, Bücher, die Leben verändern, sind viel zu selten, die kann man doch den nachfolgenden Generationen nicht vorenthalten?!
„Später hing ich in einem Liegestuhl, keine Ahnung, wie ich da reingekommen war, ich sah den Sternenhimmel, und der Gedanke, ich sei ein Nichts, der kam mir nicht, ich dachte nicht an diese Milliarden von Sonnen und an den ganzen Kram über den Ursprung des Lebens, an den unendlich Abgrund der Parallaxen und die Theorie des Urknalls, nein, ich dachte, verdammtnochmal, hoffentlich hat sie meinen Roman nicht zum Fenster rausgeschmissen, hoffentlich hat sie es nicht getan! Ich biss die Zähne zusammen, und ne Zeit lang lief es mir kalt den Rücken runter.“ (S. 164)

Öfter mal Frosch sein…

Veröffentlicht: 27. April 2012 in Freizeitgestaltung, Fundstücke, Gelaber

In einem Teich voll hungriger Fische muss ein Frosch tüchtig springen, wenn er heraus will.
(Zitat aus dem Hörspiel „Die drei ??? und der sprechende Totenkopf“)

Frosch auf YouTube

Dieser Frosch hat es wohl vorgezogen, sich eine Auszeit zu nehmen und einfach mal die Beine baumeln zu lassen. Sofern man dem Hinweis unter dem Video trauen kann, saß der Frosch ohne menschliches Zutun einfach so da, also wurde weder festgeklebt, noch festgetackert oder sonst wie beeinflusst.

Und weil er mir so gut gefallen hat und ich nach dem Frühstück Lust aufs Zeichnen hatte, habe ich ihn mit Aquarellfarben in meinem Skizzenbuch verewigt.

In allen Scrapping-Läden ist jetzt das SMASH- und Washi-Fieber ausgebrochen. Nun hab ich mich auch infiziert, wie man sieht… Aber man kann ja alles so herrlich miteinander kombinieren. Die Washi-Tapes (das sind die bunten Kleberollen oben im Bild), sind einfach der Hammer, weil man sie ganz leicht und spurenlos wieder ablösen kann. Und SMASH ist das hier:

SMASH auf YouTube

Natürlich wird nun seit einer Weile schon in meinen Notiz- und Tagebüchern gesmasht, was das Zeug hält! *g*

Pünktlich zur Sommerzeit …

Veröffentlicht: 25. März 2012 in Freizeitgestaltung, Gelaber

… startet dieses Jahr die Balkonsaison!

Darlene und ich haben den ganzen Tag auf dem Balkon verbracht. Zuerst alle vertrockneten Pflanzen und den Dreck vom vergangenen Jahr entfernt …

… dann neu bepflanzt. Und endlich hab ich wieder meinen kleinen Kräutergarten! 🙂 Ein paar Töpfe und Plätze sind noch frei, ich kann also in den nächsten Tagen noch ein bisschen was nachkaufen.

Als alles fertig war, betrat auch Spike den Ort des Geschehens, nahm seinen Stammplatz ein und erklärte die Saison für eröffnet:

Damit mir keiner vorwerfen kann, dass ich nur noch auf dem bösen Facebook poste, auch hier mal wieder ein bisschen BlaBla:

Der Weg nach Hause hatte heute das Motto „Weltuntergang“. Pünktlich zum Feierabend kam ein Sturm auf, und kaum bin ich ein paar Schritte gelaufen, setzte der Regen ein. Warum gibt es noch keine diskreten Scheibenwischer für Brillengläser? Da es sie noch nicht gibt, bzw. ich keine habe, bin ich halbblind (Wasser + Licht = GRELL!!!) nach Hause gestolpert, habe jede tiefe Pfütze mitgenommen und hatte Schiss, dass mir irgendein Stück Baum auf den Kopf knallt. Spätestens ab der Hälfte des Weges fühlte ich mich, als hätte ich mich mit Klamotten unter die Dusche gestellt.

Aber, meine Ausbeute des Tages habe ich trocken nach Hause bekommen:

Danke, liebe Osterhasen Weihnachtsmänner Verlagsvertreter! 🙂

Besonders anstrengend.
Kaum haben wir die Tür aufgeschlossen, steht da schon ein Mann mit folgendem Wunsch im Laden: „Meine Frau schickt mich. Sie sollen ein Buch mit einem Pferd vorne drauf haben. Mehr hat sie nicht gesagt.“ (Darum konnten wir ihm auch nicht helfen.)
Eine Kundin kauft einen Kalender und sagt: “ Den möchte ich gern verschicken. Was machen wir denn da?“ (Wir? Da ich keine Nerven habe, mich darüber zu unterhalten, warum das nun „unser gemeinsames Problem“ ist, gehe ich im Wareneingang gucken, ob wir noch einen großen Versandumschlag haben. Hatten wir. Dann hatte sie ihn.)
Eine Kundin reicht mir an der Kasse ein Taschenbuch und fragt: „Möchten Sie das gerne einpacken?“ (Nein!!! schreit es in mir. Aber da sie keine ehrliche Antwort erwartet, packe ich es ein.)
Dann sind da die Wir-klappern-alle-Läden-ab-Familien: Eltern, die von ihren Kindern genervt sind, weil die Kinder überdreht und gelangweilt sind. Als Gesamtpaket ziemlich anstrengend. Sie blockieren Gänge mit Kinderwagen und Sitzblockaden, viele Eltern geben ihre Aufsichtspflicht mit Betreten des Ladens an uns ab, und heute hat ein Kind mit einer (versehentlich liegengelassenen) Preispistole den halben Kinderbuchtisch bearbeitet. Sowieso dekorieren Kinder sehr gern um.
Tja, und manchmal glaube ich, dass hinter der Ähnlichkeit der Worte „Tourist“ und „Terrorist“ ein tieferer Sinn steckt…
Aber nun: Endlich Wochenende! 🙂

Spinner mögen nur Oregano

Veröffentlicht: 18. August 2011 in Freizeitgestaltung, Gelaber

> „Meine Mama sagt das immer“, sage ich. „Das Leben schreibt die besten Geschichten.
Und ich frage mich dann immer, will sie mich subtil beleidigen? Ich rufe sie doch auch
nicht an und sage: Hey! Was ich sagen wollte: Mutter Natur ist doch die beste Mutter.“
<
(Marc-Uwe Kling – „Das Känguru-Manifest“ – S. 64)

Auf unserem Balkon hängt ein langer Kasten in dem verschiedene Küchenkräutern wuchern. In diesem entdeckte ich letzten Samstag auf dem Oregano eine wunderschöne Punk-Raupe mit Handtasche. Sie wanderte kurz auf den Thymian und über das Rosmarin, dann zurück zum Oregano, wo auch noch ihre Handtasche lag.

Auf dem Bild, geschossen von meinem Hausundhoffotografmitderbesserenkamera, kann man auch ihre Handtasche erkennen, die unterm Blatt klebt. Nach kurzer Recherche im Netz fand ich heraus, dass die Punkraupe ein Schlehen-Bürstenspinner ist und die Handtasche ihre zu eng gewordene Bekleidung.
Obwohl ich in diesem Sommer nur unangenehme Erfahrungen mit Raupen gesammelt habe (zweimal haben mir Raupenbanden meine Brunnenkresse ruiniert und letzte Woche kamen kalkweiße Zombiemaden aus dem Mülleimer), durfte sie bleiben. Einfach weil sie so cool aussieht und ich ein paar Blätter Oregano entbehren kann, denn aus der kleinen Pflanze vom Sommeranfang ist ein dichter Busch geworden, der für eine italienische Großfamilie reichen würde.
Zwei Tage war sie dann verschwunden. Ich ging davon aus, dass sie sich sattgefressen und verpuppt hat. Leider wird aus ihr dann kein hübscher Schmetterling, sondern ein recht langweiliger brauner Falter. Schade! Aber bei den Menschen wird ja auch gelegentlich aus dem bunten Punk irgendwann ein farbloser Anzugträger.
Doch am dritten Tag saß sie wieder da. Und ein paar Blätter unter ihr ein weiterer und größerer Bürstenspinner mit vier schokoladenbraunen Rückbürsten. Also hat sie wohl nur ihren dicken Cousin vom Bahnhof abgeholt, dachte ich. Der hat sich auch gleich ausgezogen und seine Klamotten im Oregano liegen lassen.
Einen weiteren Tag später, also gestern, sah ich, dass sie nun ein Trio sind, eine kleine Schwester ist jetzt auch mit von Partie.
Ich weiß nicht, für wieviele Spinner meine Gastfreundschaft noch reichen wird…

>„Das ist auch eine Geschichte, die das Leben geschrieben hat“,  sage ich.
„Zweifelsohne“, sagt das Känguru.
„Ist doch okay“, sage ich. „Kann man mal erzählen.“
„Ja, aber man würde sich nicht unbedingt einen Film darüber ankucken
wollen“, sagt das Känguru. <
(Marc-Uwe Kling – „Das Känguru-Manifest“ – S. 65)

Seit bald einem Jahr führe ich neben meinen ganzen anderen Notiz- und Tagebüchern auch eine Art Skizzen-Tagebuch (das hier), in dem ich mich meistens mit den genialen Copic-SP-Multilinern (sauteuer, aber die Anschaffung lohnt sich!) und Aquarelltusche austobe. Wenn es voll ist, will ich auch mal so ein schickes „Durchblätter-Video“ aufnehmen. Nun dachte ich mir, dass ich ja bis dahin ab und an mal ein Bild hier zeigen kann: Das hier entstand am vergangenen Sonntag auf dem Balkon, der Blick von meiner Gammelecke aus.

Vor ein paar Wochen hab ich mir, nachdem mir das Zeichnen mittlerweile wieder so viel Spaß macht, dieses inspirierende Buch zugelegt:

An Illustrated Life“ von Danny Gregory

Danny Gregory hat sich einen Traum erfüllt und ein Buch herausgebracht, auf das er selbst sein Leben lang wartete: 50 Künstler (Illustratoren, Grafiker usw.) aus der ganzen Welt lassen sich in (und auf) ihre Skizzenbücher gucken und erzählen kurz etwas über ihr Leben und ihre Beziehung zu ihrem „Sketchbook“. Mit unter 15 Euro (Preis von 19,99$ kann mit Dollarkurs etwas schwanken) für 266 Seiten ein extrem guter Preis und eine echte Schatzkiste für Interessierte!