Archiv für die Kategorie ‘Literatur’

Liegt es an der dunklen Jahreszeit? Oder dieser unangenehmen weltpolitischen Stimmung? Oder war es einfach mal wieder höchste Zeit? Eigentlich egal. Ich verschlinge momentan mit größtem Vergnügen einen Horror-Roman nach dem nächsten und ein Ende ist noch nicht abzusehen. Auf meinem bisherigen Trip habe ich nun einige mir bisher unbekannte Autoren und kleine Verlage (z.B. den Luzifer Verlag sowie den mir bereits bekannten Festa Verlag) für mich entdeckt, die zu diesem Thema eine sehr gute Auswahl bieten.
Habt Ihr Lust, mehr über meine düsteren Ausflug durch die Horrorliteratur zu erfahren? Dann folgt mir bitte. Aber Achtung, ich zeige Euch ein paar echt unheimliche Ecken!

Es ist ja nicht so, dass Horrorliteratur für mich ein Neuland wäre, aber gerade in meiner Zeit als Buchhändlerin habe ich schon darauf geachtet, meinen Lesekonsum möglichst weitgestreut zu halten. Mal einen Thriller, mal einen normalen Roman, mal ein Jugendbuch, mal eine Horror- oder Fantasy-Geschichte… Seit meinem Berufswechsel vor bald zwei Jahren kann ich meinen Konsum nun ohne schlechtes Gewissen frei gestalten. Wie jetzt gerade.
Nach dem nun Stephen King (gemeinsam mit Sohn Owen) mit „Sleeping Beauties“ nicht so ganz meine hohen Erwartungen erfüllen konnte, las ich eine Weile später das von ihm empfohlene „HEX“ von Thomas Olde Heuvelt. Während das King-Gespann zwar eine sehr interessante Idee als Ausgangspunkt hatte (weltweit wachen die schlafende Frauen nicht mehr auf und die Männer sind darum mehr oder weniger auf sich allein gestellt), aber diese nicht wirklich spannend ausgeschöpft hat, hat mich „HEX“ sowohl mit seiner Idee, als auch deren Umsetzung, von Anfang bis Ende überzeugt. In diesem Roman geht es um die kleine Stadt Black Spring, in der die Hexe Katherine zu Hause ist. Sie lebt dort nicht in einem gruseligen Hexenhaus, das von den Kindern gemieden wird, nein, sie wandert einfach durch die Stadt und seine Gebäude. Behangen mit Ketten und die Augen und der Mund sind zugenäht, um mögliche Verhexungen zu vermeiden. Da kann es also vorkommen, dass Katherine, wie am Anfang der Geschichte, plötzlich in einem Zimmer steht. Die dort lebende Familie hängt ihr einfach ein Tuch über den Kopf und geht zum Alltag über. Befindet sich Katherine mal auf einem öffentlichen Platz, an dem Touristen auftauchen könnten, wird ihr Auftritt von der Gemeinde sofort (oft sehr fantasievoll) vertuscht. Doch ungefährlich ist sie trotzdem nicht und alle Bewohner von Black Spring müssen mit dem Fluch leben, dass sie niemals für länger Zeit die Stadt verlassen können und mit Ortsfremden nicht über die Hexe reden dürfen. Doch dann passieren ein paar Dinge, die dieses wackelige Sicherheitskonstrukt ins Wanken bringen und auf einmal sind die Hexe sowie die gesamte Kleinstadt außer Kontrolle.
Eine wirklich spannende und angenehm gruselige Atmosphäre, von der ersten bis zur letzten Seite! Interessant ist auch, dass die Geschichte vom Autor bereits in den Niederlanden veröffentlicht und für diese internationalere Fassung überarbeitet und mit einem neuen Ende versehen wurde. Das Ende in dieser Version war sehr passend, doch mich würde natürlich auch das andere Ende sehr interessieren! Wer also etwas darüber weiß, darf sich sehr gerne bei mir melden!

hex

Meine nächste Station war „Das Haus der Monster“ von Danny King. Nein, weder verwandt noch verschwägert, soweit ich weiß. Höchstens Seelenverwandt, denn auch hier werden dem Leser im unterhaltsamen Plauderton unglaubliche Geschichten erzählt – und man hört sehr gern zu!
John Coal muss erkennen, dass er nun der alter Sonderling in seiner Stadt ist. Wie konnte denn das passieren? Als ein paar Nachbarsjungen in seinem Haus einbrechen, lässt er sie nicht gehen und erzählt ihnen Geschichten. Besser gesagt: Geschichten aus seinem unheimlich(en) ereignisreichem Leben. Nicht nur diese Geschichten, auch die Rahmenhandlung sind sehr unterhaltsam und angenehm gruselig. Das weckte meinen Hunger nach mehr!

Haus der Monster

Also landete ich im „December Park“ von Ronald Malfi. Nicht nur, dass ich den Autor ständig „Roland“ nennen möchte, wie Kings Hauptfigur in der „Der dunkle Turm„-Reihe, auch sonst gibt es hier wieder einen Bezug zu Stephen King (der auch namentlich im Roman erwähnt wird). Die Geschichte erinnerte mich an „Die Leiche“ / „Stand by me“. Nur, dass wir hier nicht in den 60ern, sondern den 90ern ein paar Jungs kennenlernen und durch eine abenteuerliche Zeit begleiten. Auch in diesem Roman gibt es keine übersinnlichen Elemente, es ist eher ein Coming-of-Age-Thriller.
In der kleinen Stadt Haring Farms verschwinden innerhalb kurzer Zeit mehrere Jugendliche, von denen angenommen wird, dass sie einfach nur abgehauen sind. Doch als die Leiche eines Mädchens gefunden wird, kommt der Verdacht auf, dass die verschwundenen Teenager einem Serienkiller zum Opfer gefallen sind, den die Presse „Piper“ tauft. Unsere Jungs wollen den Fall auf eigene Faust aufklären, was sie natürlich selbst in Gefahr bringt.
Ich war total begeistert und echt traurig, als der wilde Trip durch diese spannende Geschichte vorüber war! Der Autor darf wirklich mit dem guten King verglichen werden, denn die Figuren sind sehr dreidimensional gezeichnet und wachsen einem schnell ans Herz. Absolute Leseempfehlung!

December Park

Also war die „Nachtparade“, ebenfalls von Ronals Malfi, eine logische nächste Wahl. Auch hier ein King-Vergleich gefällig? Nicht ganz so episch wie „The Stand“ / „Das letzte Gefecht“, doch in der „Nachtparade“ geht es ebenfalls um einen Virus, der den Großteil der Menschheit umbringt. Wir beginnen auf der ersten Seite in der Mitte der Geschichte, die zwischen der nahen Vergangenheit (als der Virus ausbrach) und der Gegenwart, in der ein Vater mit seiner Tochter allein auf der Flucht ist, springt. Also dauert es eine Weile, bis man herausfindet, was passiert ist und wohin die Reise gehen soll. Am Anfang befürchtete ich, schnell gelangweilt zu werden, schließlich gab es dieses Thema schon häufiger in Büchern und Filmen, doch Malfi hat mich mehrmals mit interessanten Gedanken und raffinierten Ideen überrascht.
Also kann ich auch die „Nachtparade“ (was es mit dem Titel auf sich hat, wird im Laufe der Geschichte verraten) sehr empfehlen!

nachtparade

Meine nächste Lesestation war der „Der Höllenexpress“ von Christopher Fowler. Dieser Lesetrip ging mehr in die Richtung „Horror“, als die vorherigen. Ja, es gab Splatter, ja, es gab spritzendes Blut und gerne mal fliegendes Gedärm, doch es gab auch jede Menge Humor!
Und das alles in mehreren Geschichtenfäden, die kunstvoll miteinander verwoben sind: Da hätten wir die Hammer-Studios in den 60ern, einst bekannt für Verfilmungen wie „Dracula“ mit Christopher Lee, dann ein kleines Mädchen um 1900, das ein merkwürdiges Spiel entdeckt, und letztendlich den Höllenexpress selbst, im Jahr 1916, dessen Fahrgäste eine wahrhaft höllische Fahrt erleben.
Man kann ihn beim Lesen direkt sehen, diesen quitschbunten Horror aus den Horrorfilmen der 60er- und 70er Jahre: wild, oft frivol, schräg, überraschend, humorvoll! Ja, die Fahrt war höllisch gut und machte verdammt viel Spaß!

Höllenexpress

Sofort folgte der Wechsel zum nächsten Autor. Sollte mein guter Lauf an guten Horror-Romanen anhalten? Aber klar, mit „Die Opferung“ von Graham Masterton hatte ich zum Glück wieder einen Treffer gelandet. Der Brite wurde in den Rezensionen mehrfach als „Großmeister des Horror“ gefeiert, was ich nun durchaus bestätigen kann.
Der Roman ist eine Homage an den Cthulu-Mythos von H.P. Lovecraft und ich wurde wieder sehr positiv überrascht. Die Geschichte handelt von David Williams, der mit seinem Sohn in ein Haus zieht, um dieses im Auftrag der abwesenden Besitzer zu renovieren. In diesem Haus passieren merkwürdige Dinge (bewegen sich Menschen auf Fotografien und ist da eine riesige Ratte mit menschlichem Gesicht auf dem Dachboden?). Doch vor allem gibt es unerklärliche Lichter und grauenvolle Geräusche in der Nacht…
Mein Wissen über den Cthulu-Mythos ist begrenzt, vielleicht hab ich dadurch einige Parallelen nicht mitbekommen, aber dieser Roman hier war wirklich spannend, unheimlich, brutal und faszinierend! Was mir besonders gefallen hat, war, dass auch hier eine recht bekannte Grundstory („gruseliges Haus“) sich als total unvorhersehbar und überraschend entpuppte. Wieder eine absolute Leseempfehlung!

Die Opferung

Mit welchem Buch ich meinen Horror-Trip fortgesetzt habe? Mit einem weiteren Roman von Graham Masterton, nämlich „Die Schlaflosen“. Das war bisher die heftigste Horrorstory auf meiner aktuellen Lesetour der finsteren Art. Aber auch nicht härter als Cody McFadyen (nebenbei bemerkt, sein letzter sehr sehr lang erwarteter Roman „Die Stille nach dem Tod“ war eine echte Enttäuschung).
Es beginnt mit dem Helikopterabsturz eines frisch ernannten Bundesrichters und seiner Familie, die den Absturz zwar überlebt haben, aber dann von einem Unbekannten verstümmelt und ermordet werden. Später werden die Leichen entdeckt, nur die Tochter ist verschwunden. Stecken dahinter die geheimnisvollen „weiß-weißen“ Männer mit den Sonnenbrillen? Die Versicherungsgesellschaft lässt den Unfall untersuchen. Der zuständige Ermittler hat jedoch mit seinen ganz eigenen Dämonen zu kämpfen und stößt auf mysteriöse Zusammenhänge.
In dieser Geschichte gibt es viele rote Fäden, die kunstvoll miteinander verwoben sind und in einem großen Finale zusammentreffen. Spannend, brutal, mystisch und ebenfalls ein wirklich lesenwertes Horrorabenteuer!

schlaflosen

Was als nächstes kommt? Schauen wir mal…

In diesem Sinne: Lange Tage, angenehme Nächte und süße Träume… bis bald!

 

 

 

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Sollte ich jemals die Situation erleben, dass ich nur ein Buch aus der brennenden Wohnung retten kann, würde ich nicht lange überlegen: „Erogene Zone“ von Philippe Djian.

djian
Es gibt kein Buch, in dem ich öfter gelesen habe, als in diesem ersten Teil von Djians Trilogie über den Schriftsteller Zorg. Es sieht mitgenommen aus und fühlt sich an, wie eine alte Lederbrieftasche, die man seit Jahren täglich bei sich trägt: Weich, abgerundet, vertraut und etwas schmuddelig. Es ist ein treuer Gefährte auf Reisen, auch im Alltag wandert es noch heute alle paar Monate mal durch die Wohnung, und das seit bald 20 Jahren, also mein halbes Leben.
Ich kann mich bei vielen Büchern daran erinnern, wie ich sie gekauft und gelesen habe. Meistens nur kleine Szenen, kurze Gedankenfetzen. Bei „Erogene Zone“ kann ich im Kopfkino den halben Tag dazu abspielen, so genau hat sich der Kauf und besonders das Lesen der ersten Seiten eingebrannt, weil es mich sofort aus den Socken gehauen hat. Sowas hatte ich bis dahin noch nicht gelesen, ich war so begeistert, elektrisiert, wie nur selten in meinem Leben. Leider bin ich auch schon dahinter gekommen, dass mit fortschreitendem Alter solche Momente immer seltener werden, weil man einfach schon so viel kennt und es nicht wirklich viel Neues gibt. Bekanntes wiederholt sich nur in neuer Zusammensetzung oder mit neuem Anstrich.
Ich denke, dass etliche seiner Leser aus dieser Zeit es ähnlich empfinden. Djian hat uns mit späteren Romanen oft enttäuscht, weil wir einfach die Stimmung in dieser Trilogie geliebt haben. Es ist wie ein wunderbares melancholisches Lied über das Leben, Freiheit und Leidenschaft, bei dem man sich einfach gut und lebendig fühlt, wenn man es hört. Und darum ist es so, wie bei einem Musiker, der vor vielen Jahren eben dieses eine Lied hatte, das alle noch Jahrzehnte später bei jedem Konzert lautstark fordern und mit dem größten Applaus und Jubel belohnen. Und das er vielleicht selbst mittlerweile hasst, weil er ständig daran gemessen wird.
Und nun ist die „Erogene Zone“ von Phillipe Djian vergriffen. Da mag so manch einer sagen, dass die Vergleiche hinken, aber für mich fühlt es sich so an, als hätte ich gerade erfahren, dass „Der Fänger im Roggen“, „On the Road/Unterwegs“ oder der „Steppenwolf“ vergriffen sind.
Lieber Diogenes Verlag, Bücher, die Leben verändern, sind viel zu selten, die kann man doch den nachfolgenden Generationen nicht vorenthalten?!
„Später hing ich in einem Liegestuhl, keine Ahnung, wie ich da reingekommen war, ich sah den Sternenhimmel, und der Gedanke, ich sei ein Nichts, der kam mir nicht, ich dachte nicht an diese Milliarden von Sonnen und an den ganzen Kram über den Ursprung des Lebens, an den unendlich Abgrund der Parallaxen und die Theorie des Urknalls, nein, ich dachte, verdammtnochmal, hoffentlich hat sie meinen Roman nicht zum Fenster rausgeschmissen, hoffentlich hat sie es nicht getan! Ich biss die Zähne zusammen, und ne Zeit lang lief es mir kalt den Rücken runter.“ (S. 164)

Damit sich nicht wieder so ein großer Stapel anhäuft, gibt es jetzt schon druckfrischen Nachschub:

Die Kometenjäger“ von Marc Deckert
Dieser Roman war eine echte Überraschung. Ganz unscheinbar stand er zwischen all den Leseexemplaren bei uns in der Filiale, mit zerrissenem Einband, und einem knappen Klappentext:
Es muss dunkel sein …

Sehen ist schwieriger als Glauben. Ohne meinen Freund Tom hätte ich das wohl nie begriffen. Ohne ihn wäre mir zum Beispiel für immer verborgen geblieben, wie viele Phasen, Nuancen und Zwischenräume die Dunkelheit hat. Und erst recht hätte ich niemals erfahren, was wirklich danach kommt …

… wenn wir die Sterne am Himmel erkennen wollen.
Ich hab die erste Seite überflogen, mein Interesse war geweckt, hab den Bucheinschlag mit Tesa geflickt und ihn adoptiert.
Der Dank war eine wirklich tolle und sympathische Geschichte + einem kleinen Einführungskurs in die Astronomie.
Philipp ist 28 und lebt und jobbt in Landsberg am Lech recht ziellos vor sich hin. Der Vater eines Freundes bietet ihm an, die Illustrationen für ein Kindersachbuch über das Weltall zeichnen. Um sich Inspiration zu holen, besucht er eine Sternwarte und begegnet dort dem einige Jahre jüngeren Tom, dessen ganze Leidenschaft die Astronomie ist. Die beiden recht unterschiedlichen jungen Männer freunden sich an. Und als Tom in einer „Sternenangelegenheit“ eine Reise in die USA unternimmt, begleitet Philipp ihn. Mehr möchte ich gar nicht verraten.
Ich hoffe, dass dieser tolle Roman ganz viele Leser findet, die danach ebenso begeistert sind wie ich, und ebenfalls wieder öfter in den Sternenhimmel schauen. Außerdem hoffe ich, dass Herr Deckert es nicht bei diesem Debütroman belässt!

Oneiros“ von Markus Heitz
Ach schön, ein neuer Markus Heitz!
Wie schlimm muss es sein, zu wissen, dass immer alle Lebewesen um einen herum sterben, sobald man einschläft… Und wie gefährlich erst, wenn man auch noch Narkoleptiker ist!
Aus diesen beiden Gedankenspielen hat Markus Heitz wieder einen spannenden Roman gezaubert.
Konstantin, ein Bestatter aus Leipzig ist mit dem Fluch der Todschläfer geschlagen, weswegen er nur wenig oder abgeschieden auf einem Boot schläft. Er ist nicht der einzige. Auch nicht der einzige, der auf der Suche nach dem außer Kontrolle geratenen Narkoleptikers ist, der eben mal versehentlich alle Insassen eines Flugzeugs umbringt.
Phantastisch, spannend, rasant, gut recherchiert (mit kurzen Märchen, Sagen und Geschichten über den Tod, die in dem Roman eingebettet sind) – wie erwartet!

Young Sherlock Holmes – Der Tod liegt in der Luft“ von Andrew Lane
Hhm… ich hatte mir etwas mehr von erhofft. Wo ich doch momentan, dank der gigantischgrandiosengroßartigen „Sherlock„-Serie in der perfekten Sherlock-Stimmung bin. Und den Film aus den 80ern von Chris Columbus, „Das Geheimnis des verborgenen Tempels„, in dem es auch um den jugendlichen Holmes geht, mag ich immer noch sehr.
In dem 14jährigen Sherlock, dem wir hier begegnen, ist der zukünftige Meisterdetektiv leider kaum zu erkennen. Es ist einfach nur ein aufgeweckter und netter Junge, der in seinen Sommerferien beim Onkel in einen Kriminalfall stolpert. Gemeinerweise ist es auch noch ein erster Teil und wird mindestens eine Trilogie. Doch ich schätze, es wird mein einziger bleiben.
Eine der interessantesten, intelligentesten und ungewöhnlichsten Figuren der Literatur muss diese Eigenschaften auch bereits als Schüler gehabt haben. Dieser Junge hat sie nicht. Der Roman ist nicht schlecht, eine gute Jugendkrimigeschichte, aber eben kein glaubwürdiger Holmes.

Identität“ von Dan Chaon
Ich bin echt überrascht, dass dieser Roman so wenig gute Rezensionen bekommen hat. Aber schätze, es liegt an dem irreführendem Wort „Thriller“ auf dem Cover. Denn wer einen klassischen rasanten Thriller erwartet, wird einfach enttäuscht sein. Dabei fängt die Geschichte ziemlich hart an: Einem Sohn wird von einem ihm Unbekannten eine Hand amputiert, weil der Vater etwas nicht sagen oder zugeben möchte.
Doch der Rest des Romanes ist relativ frei von Gewalt.
Psychodrama trifft es besser. Ich mochte die intensive Figurenzeichnung, diese schwüle, düstere und rastlose Stimmung, die an einen „Film noir“ erinnert, ich habe gespannt die drei Hauptfiguren verfolgt, die alle mit Identitätswechsel oder Identitätsraub zu tun haben. In vielen Rückblicken werden ihre Geschichten erzählt, während sie alle unterwegs sind, auf der Suche oder auf der Flucht.
Und am Ende führen alle Fäden zusammen…
Sprachlich sehr angenehm, spannende Figuren, intelligente Unterhaltung mit überraschenden Wendungen – viel besser als jeder 08/15-Thriller! Oder, um es mit Jonathan Franzen zu sagen:
Ich habe lange darauf gewartet, dass jemand mal ein richtig gutes Buch über Identitätsraub schreibt, und ich bin sehr froh, dass Dan Chaon es nun getan hat!

Ich hab mir nun endlich die drei (1, 2, 3) ersten (von sechs) Graphic Novel-Versionen von Stephen Kings Meisterwerk (und Mörderschinken) „The Stand – Das letzte Gefecht“ gekauft. Das erste Heft ist schon gelesen und war um Längen besser, als die Comic-Umsetzung von „Der Dunkle Turm„. Sehr stimmungsvoll gezeichnet und, im Gegensatz zur bebilderten „Turm“-Version, sogar richtig gut geschrieben!

The Stand“ soll übrigens Ende des Jahres erneut verfilmt werden: Mehr Infos dazu hier.

Und von der schon mehrmals totgesagten „Der Dunkle Turm„-Verfilmung gibt es einen frischen Hoffnungsschimmer: Mehr dazu hier.

Über 30 Romane habe ich seit dem letzten Rezi-Posting, also Juli 2012, komplett gelesen. Ich gebe zu, dass ich zwischendurch überlegt habe, einfach keine mehr zu schreiben, aber nun mache ich das schon so viele Jahre, da wäre es schade, jetzt einfach aus Faulheit damit aufzuhören.
Vor mir liegt nun eine Liste mit den all den Titeln. Im Augenblick habe ich noch keinen Schimmer, wie ich all die Bücher schmerzfrei in einen Eintrag bekomme. Richtige Rezensionen werden das wohl nicht werden, aber egal…

… fangen wir mal mit Thrillern an:

Der Beste war ganz klar „Der Anschlag“ von Stephen King! Mit seinen 1056 Seiten ein Monster von einem Roman, aber ohne eben solche – leider hält sich ja hartnäckig das Vorurteil, Mr. King schreibt nur Horrorgeschichten. Falsch! Das einzige Übernatürliche ist hier eine Zeitreise (in der ein Mann die Möglichkeit bekommt, den Anschlag an Kennedy zu verhindern), der große Rest ist spannende, gut recherchierte Zeitgeschichte und ein psychologisch interessantes Drama. Hier gibts dazu einen lesenwerten Artikel auf Spiegel Online. Eine Zeitreise in die 60er Jahre, die sich wirklich lohnt – ABSOLUTE Empfehlung!!!
Ebenfalls sehr empfehlenswert sind „Fünf“ und „Saeculum“ von Ursula Poznanski (die mich damals schon mit „Erebos“ so begeistert hat). „Saeculum“ ist ein Jugendthriller, in dem ein paar Jugendliche abgeschnitten von der Zivilisation eine Woche im Wald leben und einige von ihnen plötzlich spurlos verschwinden. „Fünf“ ist der erste Thriller für Erwachsene der Autorin und wieder ein absoluter Volltreffer: Ein Serienkiller, der das (sehr sympathische) Ermittlerteam mit Geocatching der besonderen Art frische Luft und dem Leser viel Spannung verschafft. Ich freu mich jetzt schon auf ihren nächsten Roman, Frau Poznanski kann wirklich enorm gut und spannend schreiben! Laßt Euch das nicht entgehen!
Großartig war auch die Fortsetzung vom „Augensammler“ von Sebastian Fitzek, nämlich „Der Augenjäger„. Hier war der zweite Teil noch besser, als der erste. Ich hab nun alle seine Romane gelesen und das war auch insgesamt der beste! Der Meister der Cliffhanger und Pageturner hat ja leider öfter etwas enttäuschende Auflösungen, aber hier stimmt einfach alles!
Enttäuscht war ich von „Töte mich“ von Jon Osborne, der Verlag versprach einen zweiten Cody McFadyen, aber da kann er leider noch nicht mithalten. Das Ende war einfach absolut unbefriedigend. Schade!
Genauso war es mit „Der dunkle Wahn“ von Wulf Dorn. Seine ersten beiden Romane waren enorm gut, aber dieser hier… hhm… insgesamt etwas schwach. Auch „Im Wald der stummen Schreie“ von Jean-Christophe Grangé war nur noch ein Abklatsch seiner besseren Thriller. Zeitweise sehr stimmungsvoll, aber die Geschichte an sich und besonders die Auflösung war eine müde und vorhersehbare Wiederholung.
Eine sehr positive Überraschung war „Schwarzer Schmetterling“ von Bernard Minier. Den habe ich nicht freiwillig angefangen (war so eine Art „Hausaufgabe“ von meiner Chefin), aber war sofort begeistert! Der Stil erinnerte an den guten Grangé, eine sehr dichte Atmosphäre und spannende Charaktere. Und, es besteht die Hoffnung auf eine Fortsetzung! Ja, bitte schnell Nachschub!
Hier wird es auf jeden Fall noch Nachschub geben, denn „Niceville“ von Carsten Stroud ist der erste Teil einer Trilogie: Im Klappentext wird er als eine Mischung aus King, Tarantino, Faulkner und David Lynch beschrieben, was ich absolut unterschreiben kann! Unheimlich (und) spannend, abgedreht, brutal, phantastisch! Und man sollte ein gutes Namensgedächtnis haben, denn in dieser Stadt leben viele interessante Menschen, die durch ein noch nicht enthülltes Geheimnis miteinander verbunden sind… Als Fernsehserie würde die Reihe garantiert auf meine Top 10 kommen!
Auch für die Fortsetzung von „Eine Klasse für sich“ von Scarlett Thomas, nämlich „Faule Tricks„, sollte man  ein gutes Namensgedächtnis haben und eben den ersten Teil kennen. Dann kommt man in den Genuss eines guten und spannenden Thrillers! Ihr bester Roman aber ist und bleibt für mich aber die „Troposphere„!
Und nun noch mal eine leichte Enttäuschung: „Du stirbst zuerst“ von Dan Wells. Seine Trilogie über den jungen Soziopath John Wayne Cleaver („Ich bin kein Serienkiller„, „Mr. Monster“ und „Ich will dich nicht töten„) war einfach rundrum gelungen, aber dieser Einzelband konnte da nicht mithalten. Die Story war etwas zu absurd und hatte zwischendurch unnötige Längen , außerdem habe ich den intelligenten Schwarzen Humor vermisst, der die Trilogie so besonders gemacht hat.
Kein klassischer Thriller war „Sommerhaus mit Swimmingpool“ von Hermann Koch, aber da es einen Mord und viel Spannung gibt, darf er sich hier einreihen. Sein erster Roman („Angerichtet) war schon raffiniert und böse, aber hier ist er noch härter und der Zynismus noch bissiger. Einem Arzt wird vorgeworfen, einen befreundeten Patient mutwillig durch einen Kunstfehler getötet zu haben. Ein echt böser Roman, an den man nun wohl bei jedem Arztbesuch denken muss.
Zu guter Letzt noch der ziemlich durchgeknallte und kurzweilige Horrorkrimi „Grabräuber gesucht“ von Jeff Strand, der vor gelungenem Wortwitz nur so sprüht, dass man ihm ein paar kleine Logiklücken gern verzeiht. Ein Familienvater und sein Kumpel bekommen das makabere, aber sehr lukrative Angebot, einen Schlüssel aus einem Sarg zu holen. Nachts. Mit Schaufeln auf einem Friedhof. Doch als sie den freigelegten Sarg dann öffnen, werden sie von dem vermeindlich Toten mit einer Waffe bedroht. Und damit geht der wilde Trip erst los. Überraschend, witzig, krass!

***

Nun wird es langsam Zeit für die Fantasy-Thriller:

Natürlich hätte ich den „Anschlag„, „Niceville“ und auch „Du stirbst zuerst“ hier einsortieren können, aber da ist der phantastische Anteil nicht im so hoch, wie bei den nun folgenden Romanen. Beginnen wir mit dem langerwarteten letzten Werk von Walter Moers, „Das Labyrinth der träumenden Bücher„, der Fortsetzung von „Die Stadt der träumenden Bücher„. Und ich habe sehnsüchtig auf diesen Roman gewartet! Leider war es dann nicht so befriedigend, wie erhofft, doch auch nicht so schlecht, wie viele Leser gejammert haben. Ja, es fehlte der rote Faden, es wurde erst auf den letzten Seiten spannend und hörte dann mit einem der bösesten Cliffhanger der letzten Jahre auf, aber Weg dahin war einfach wunderbar! Sprachlich ist Moers unbestreitbar ein Genie mit einer beneidenswerten Fantasie! Eine literarische Delikatesse! Also trotzdem genussvoll lesen (und sich an den großartigen Illustrationen erfreuen) und sich auf den dritten Teil freuen, der im nächsten Jahr erscheinen soll!
Ähnlich phantasievoll und schräg, aber von Anfang bis Ende sehr spannend, ist „Grau“ von Jasper Fforde, der erste Teil einer Trilogie. Eine Realität, die in einer Zukunft spielt, in der alle Menschen Farbenblind sind und je nach Farbsichtigkeit einen Rang in der Gesellschaft haben. Irre gut!
Die Flüsse von London“ von Ben Aaronovitch werden auf dem Klappentext leider mit „Harry Potter für Erwachsene“ beworben, aber ich befürchte, das könnte einige Leser von dem Genuss abhalten. Ja, hier lernt ein junger Polizist ein wenig Zauberei, aber da hört die Ähnlichkeit für mich schon auf. Denn er lernt es nicht ihn einer Schule, sondern von einem Vorgesetzen, der einen Nachfolger für ungewöhnliche und magische Vorfälle braucht, die in London so passieren. Ein wilder, durchgeknallter erster Teil einer Romanreihe, der wirklich Spaß macht! Der Autor hat übrigens Drehbücher für „Doctor Who“ geschrieben, was schon viel über den zu erwartenden tollen britischen Humor sagt.
Sehr genial war auch der neueste Roman von Andreas Eschbach. Der „Herr aller Dinge“ ist ein großartiger Roman voller Philosophie und Technik. Herr Eschbach ist eben ein geübter Geschichtenerzähler voll interessanter Ideen, der einem schon nach wenigen Seiten ein so farbenfrohes und lebendiges Kopfkino verschafft, dass man das Buch nicht aus der Hand legen kann. Und wer möchte nicht wissen, wie es möglich wäre, dass alle Menschen auf der Welt gleich reich wären und es somit keine Armut mehr geben könnte? Die Antwort gibt es in diesem Roman, also sofort lesen!

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Jugendbücher, die auch Erwachsenen gefallen:

Über „Saeculum“ hab ich ja schon oben geschrieben, also können wir gleich zu „Wer hat Angst vor Jasper Jones“ von Craig Silvey übergehen, der leider erst im September erscheint. Hhm… also darf ich leider noch nichts darüber schreiben… Nur so viel: WOW!!!!
Gerade frisch erschienen ist „Starters“ von Lissa Price. In einer nicht so fernen Zukunft sind alle Erwachsenen an einem Virus gestorben. Nur die Kinder  („Starters“) und die Alten („Enders“) haben überlebt. Und durch fortgeschrittene Technik können die Alten sich junge Körper „mieten“ und für eine Zeit in ihnen leben. Eine recht böse Satire auf die Gesellschaft, verpackt in einem spannenden Jugendroman – TOLL! (Übrigens auch ein erster Teil, aber soweit in sich abgeschlossen)
Endlich ist der vierte Teil der „Chroniken der Unterwelt„-Reihe erschienen, nämlich „City Of Fallen Angels“ von Cassandra Clare. Hier sollte man die ersten Teile kennen, und wer sie gelesen hat, darf auch die Fortsetzung nicht verpassen!
Die Insel der besonderen Kinder“ von Ransom Riggs ist ein Debütroman, der aus echten (teilweise skurillen) alten Fotografien entstanden ist, die auch alle im Roman abgedruckt sind. Aus dieser Inspriation hat er Autor eine ungewöhnliche und sehr lesenswerte Zeitreisegeschichte ersponnen, klasse!
Eine Art „Thrillerdrama“ für Teenager ist „Tote Mädchen lügen nicht“ von Jay Asher. Zwei Wochen nach dem Tod einer Mitschülerin bekommt Clay ein Päckchen mit 13 Kassetten, auf denen das verstorbene Mädchen die Gründe für ihren Selbstmord hinterlassen hat. Auch er ist einer Gründe. Und er soll das Päckchen nach dem Hören an den nächsten weiterschicken. Ja… die Atmosphäre war sehr gut, es las sich flott weg… aber vielleicht bin ich einfach zu alt, um mich in das Seelenleben eines Teenagers zu versetzen, denn ich fand die Gründe insgesamt etwas schwach. Trotzdem ein interessanter Roman.
Und nun noch kurz zu meiner aktuellen Lieblingskinderbuchreihe: Ja, auch „Gregs Tagebuch 6 – Keine Panik!“ von Jeff Kinney ist einfach unglaublich genial!

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Sonstige schräge u./o. humorvolle Romane und sogar welche über die Liebe:

Ich lese ja so gut wie gar keine Liebesromane (und schon gar nicht solche gruseligen „Freche-Frauen-Romane“), aber hier hatte ich gleich zwei davon am Wickel, die dann doch total meinen Geschmack getroffen haben. Fangen wir mit dem wunderbaren Andrea De Carlo an, von dem ich schon ein paar Jahre nichts mehr gelesen habe und nun von „Sie und er“ enorm begeistert war! Er hat einfach ein enormes Talent für spannende und dreidimensionale Charaktere und interessante philosophische Gedankenspielereien… großartig! Und frei von klebligem Kitsch. Versprochen.
Ebenso wie die „Königskinder“ von Gernot Gricksch, der mich vor Jahren schon mit seinem Roman über „Die denkwürdige Geschichte der Kirschkernspuckerbande“ beeindruckt hat. Er hat großartigen Wortwitz und Wärme, man merkt einfach, wie sehr er seine Figuren mag. Also ebenfalls ein toller Liebesroman für alle, auch für eben für die, die sonst keine lesen!
Ja, es war bestimmt der Titel, der mich dazu gebracht hat, diesen Roman zu lesen: „Das kaputte Knie Gottes“ von Marc Degens. Ich möchte jetzt auch nicht verraten, was es mit dem Knie so auf sich hat, aber es ist ein netter Roman über zwei Freunde, die sich trotz verschiedener Lebenswege nicht aus den Augen verlieren.
Über das „Känguru-Manifest“ von Mark-Uwe Kling kann ich nur sagen: Fast noch besser als die genialen „Känguru-Chroniken„! Kaufen! Lesen! Lachen! Hörbucher auch kaufen! Und sowieso seine Liveauftritte besuchen!
Maria, ihm schmeckt’s nicht!“ von Jan Weiler habe ich jahrelang den Kunden empfohlen, ohne es selbst gelesen zu haben. Einfach, weil so viele Leute davon geschwärmt haben. Und, ja, es ist ein nettes und unterhaltsames Buch, aber ich hatte mir dann nach den vielen Lobeshymnen doch mehr von versprochen.
Sehr positiv überrascht war ich nun von „Gott bewahre„. Von John Niven hatte ich vor Jahren mal „Kill Your Friends“ gelesen, was jetzt nicht sooo meinen Geschmack getroffen hat, aber nach dieser großartigen Satire sind ihm all seine Sünden vergeben: Seit der Kreuzigung sind im Himmel gerade mal ein paar Tage vergangen, in denen Gott im Angelurlaub war. Nun zurück ist er entsetzt, was die Menschheit in den letzten 2000 Erdenjahren so alles angestellt hat, oft auch in seinem Namen. Denn sein einziges Gebot ist „Seid lieb“. Also schickt er seinen Sohn zurück auf die Erde. Wenn man kein Problem mit teilweise deftiger Sprache hat und mal wieder eine absolut gelunge Satire lesen möchte, sollte sofort zuschlagen! Absolute Empfehlung! Und: Seid lieb!

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Die restlichen drei Bücher lassen sich wohl am besten als „Junge Dramen aus Deutschland“ zusammenfassen:

Fangen wir mit dem schlimmsten Roman an. Die „Schossgebete“ von Charlotte Roche. Die „Feuchtgebiete“ hab ich damals nicht gelesen, nur mal reingeblättert. Aber hier dachte ich, ich geb ihr mal ne Chance. Puh… eigentlich war es ein bisschen so, als würde man stundenlang mit einer psychisch angeschlagenen Schulfreundin auf der Couch sitzen, die man schon Jahre nicht mehr gesehen hat, und nun von ihrem Leben erzählt, die redet und redet, sich ständig wiederholt, und eben lauter Probleme und Sorgen hat. Sie tut einem zwar echt leid, aber irgendwann kann man die Jammerei einfach nicht mehr hören. Zumal es auch vom Stil her häufig nicht besser als ein durchschnittlicher Aufsatz eines Gymnasialschülers ist.
Der neue Roman von Frank Goosen, „Sommerfest„, hingegen hat wirklich Spaß gemacht. Ein eher ruhiger und nachdenklicher Ruhrpottroman mit schrägen Figuren und Überraschungen und sehr angenehmen Humor, er hat meine Erwartung voll erfüllt. Jut!
In doppelter Hinsicht kann man hier sagen: Der beste der drei Romane! „Fast genial“ ist nämlich auch das dritte Werk von Benedict Wells. Obwohl, „Becks letzter Sommer“ hat mich damals auch sehr begeistert. Der Unterschied hier ist nun, dass der Roman in den USA spielt. Der Grundgedanke beruht auf einer wahren Begebenheit, nämlich, dass in einer Samenbank in den 80er Jahren Genies gezüchtet werden sollten. Eines der Kinder, das innerhalb des Experiments gezeugt wurde, macht sich als junger Mann gemeinsam mit einem Freund und einer Freundin auf die Suche nach seinem Vater. Absolut lesenswert!

Unglaublich, ich hab es geschafft! Und wer diesen Text nun sogar komplett gelesen hat, hat meinen vollen Respekt und sich einen Keks verdient! 😉

Wieder ein paar frische Romane, die es geschafft haben, mich so gut zu unterhalten, dass ich sie ausgelesen habe:

Still Missing von Chevy Stevens

Ein netter Psycho-Pageturner: Annie (Anfang 30), wird bei einer öffentlichen Hausbesichtigung von einem Fremden entführt. In einer kleinen Hütte im Wald will er mit ihr eine Familie gründen.
Allerdings weiß der Leser gleich auf der ersten Seite, dass sie flüchten konnte, denn der Roman besteht aus Berichten an ihre Therapeutin. Das kostet den Thriller zum Glück keine Spannung, man bleibt von Anfang bis Ende gespannt wie ein Flitzebogen, und hat er einige Überraschungen und Wendungen in petto. Der leicht schnodderige Schreibstil sorgt dafür, dass man flott durch die Seiten rutscht. Spannende Sommerlektüre für den Balkon!

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Nächtliche Vorkommnisse von William Gay

Noch ein Psychothriller, doch sprachlich deutlich anspruchsvoller. Ein schwüler Sommer in den 50er Jahren in Tennessee. Die Geschwister Kenneth und Corrie finden heraus, dass sich der örtliche Bestatter an den Leichen vergeht. Da dieser sein ausgefallendes Hobby mit Fotografien dokumentiert, stehlen sie diese Beweise, um ihn zu erpressen. Doch statt zu bezahlen, heuert er einen Killer an, der Jagd auf die Jugendlichen macht.
Dorfpsychos, schräge Einsiedler, ein gnadenloser Verfolger und grandiose Landschaftsbeschreibungen; eine kleine dreckige Perle mit einer so dichten Atmosphäre, dass einem manchmal fast die Luft wegbleibt!

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The Tokyo Diaries von David Schumann

Was man so erleben kann, wenn man als Deutscher für zwei Jahre nach Japan zieht, berichtet David Schumann in seinem Tagebuch. Meistens unterhaltsam und interessant, manchmal etwas zäh, weil der Alltag auch in Japan irgendwann von Wiederholungen nicht verschont bleibt: Studieren ist anstrengend, durchzechte Nächte und Musik gibt es reichlich (was manchmal beim Studieren stört), Japaner (besonders die Japanerinnen) sind in vielen Dingen anders (bis sehr merkwürdig) und sein Job als Model (den er durch Zufall bekommt) eine Mischung aus anstrengend und merkwürdig. Lesenswerter Trip!

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Alles über Lulu von Jonathan Evison

Hier war es garantiert nicht das Cover, sondern der Klappentext, der meine Neugier geweckt hatte. Dort wurde der Roman mit Irvings „Hotel New Hampshire“ verglichen und davor gewarnt, dass einen gleich der erste Satz „gefangen nehmen“ werde. Also hab ich den ersten Satz gelesen: „Zuerst erzähle ich euch den ganzen David-Copperfield-Mist, und ich denke nicht daran, mich dafür zu entschuldigen, nicht für einen Absatz.“
Und dann habe ich den ganzen Roman gelesen. Und war begeistert! Mehr kann ich leider nicht ins Detail gehen, da er erst Mitte August erscheint und noch keine Rezensionen veröffentlich werden dürfen.
Aber ein bisschen was zum Inhalt, wie er auf dem Klappentext und in Voranzeigen jetzt schon zu lesen ist: Will ist 7 Jahre alt, als seine Mutter stirbt. Sein Vater, ein ehrgeiziger Bodybuilder, heiratet eine Weile später, dadurch bekommen Will und seine beiden Brüder eine Stiefschwester. Sie wird seine beste Freundin und seine große Liebe. Doch als sie aus dem Sommercamp zurück kehrt, ist sie völlig verändert. Vormerken und dann lesen!

Cherryman jagt Mister White

Veröffentlicht: 26. Mai 2011 in Literatur, Rezensionen, Wortschatz

Cherryman jagt Mister White“ von Jakob Arjouni

Habe ich schon mal erwähnt, dass ich eine Schwäche für Romane von Diogenes habe? Wenn man mich nach meinem Lieblingsverlag fragen würde, würde ich wohl spontan Diogenes sagen. Ich mag die Auswahl der Autoren und die Cover. Und es ist der einzige Verlag, dessen Bücher bei mir zusammen stehen dürfen – alle anderen sind nach Genre und Autoren sortiert auf die Räume verteilt.

Aber kommen wir nun zu dem neuen Roman von Jakob Arjouni, ein dünnes Büchlein mit 168 Seiten, das es in sich hat!

Der 18jährige Rick schreibt einen Bericht für den Kriminalpsychologen Dr. Layton. Über das, wofür er verhaftet wurde, was ihn nachts in seiner Zelle nicht schlafen lässt, weil die Bilder immer wieder kommen, und wofür ihn die Presse als „Massakerman“ bezeichnet. Was passiert ist, erfahren wir nun nach und nach.

Ich hatte die vier schon von weitem gesehen und gehofft, sie wären zu beschäftigt oder zu blau, um mich zu bemerken. Heiko, Mario, Robert und Vladimir. Statt wie üblich die Abkürzung über die Wiese zu nehmen, folgte ich dem Kiesweg und machte einen weiten Bogen um sie. Aber ich hatte nicht bedacht, wie laut der Kies an einem windstillen, trockenen Tag unter meinen Schritten knirschen würde.“ (S. 9)

Rick lebt in einem Kaff in Brandenburg, nahe bei Berlin, bei seiner (nicht leiblichen) Tante Bambusch. Seine Eltern sind bei einem Autounfall verstorben. Seit einem Jahr sucht er schon nach einer Lehrstelle. Nun machen ihm ausgerechnet die vier Jungs, denen er lieber aus dem Weg geht (nicht zuletzt, weil sie aus Spaß seine Katze getötet haben), ein Angebot: Sie kennen jemanden, der einen Gärtnerlehrling sucht. In Berlin. Zwar ist ihm dieser Pascal, der die Lehrstelle vermittelt, unsympathisch, aber für diese traumhafte Chance nimmt er das in Kauf. Auch das merkwürdige politische Gequatsche über Nationalstolz und die Ankündigung, dass er ihm für den Job einen Gefallen schuldig ist. Bis er dann eine Weile später, wo er Spaß bei der Arbeit und sich in die hübsche Gemüsehändlerin Marilyn verliebt hat, erfährt, was er dafür tun muss…

Wow, ein knackiger und absolut glaubwürdiger Roman, der unter die Haut geht! Sehr empfehlenswert!

So was von gut!

Veröffentlicht: 25. Mai 2011 in Literatur, Neuerscheinungen, Rezensionen, Wortschatz

So was auf YouTube

So was von da“ von Tino Hanekamp

Ich befürchte, ich bin wach. Blicke auf eine Bierflasche, in der zwei Kippen schwimmen und ein Käfer. Brutalkopfschmerz. Auf dem Heizungsrohr ein Pelz aus Staub. Extrembrechreiz. Draußen knallt’s. Schließe die Augen. Es knallt noch mal. Was für ein beschissener Anfang.“ (S. 9)

So die ersten Sätze. So die ersten Minuten des 31. Dezembers, an dem wir den 23jährigen Oskar Wrobel begleiten, vom Aufwachen bis zum Blackout (bzw. dem Epilog, der ein paar Jahre später spielt).
In der Nähe der Hamburger Reeperbahn betreibt Oskar einen Club, der am nächsten Tag für immer geschlossen wird. An diesem letzten Abend soll es nochmal richtig abgehen. Doch plötzlich hat er nicht nur mit der Organisation alle Hände voll zu tun, sondern auch mit dem brutalen Kiezkalle, der Geld von ihm möchte, eine Menge Geld!, einem besten Freund, der seinen Ruhm als Musiker nicht verkraftet, und die immer wiederkehrenden Gedanken an Mathilda, seine Exfreundin…
Sehr nett fand ich übrigens, dass „Betty Blue“ von Djian als Lieblingsbuch von Oskar und Mathilda erwähnt wird!

Ein wilder und lebendiger Roman, großartig geschrieben und so stimmungsvoll wie eine unvergessliche durchzechte Nacht! Und Tino Hanekamp weiß wovon er schreibt, denn er ist Betreiber des Musikclubs „Uebel & Gefährlich“ in Hamburg. Hier gibts ein Interview mit ihm über den Roman.
Übrigens sind die Seiten 286 – 300 mit Absicht nicht bedruckt (ich hab beim Verlag nachgefragt, weil ich zu dem Zeitpunkt noch keinen Hinweis darüber im Netz gefunden habe – hätte ja auch ein Druckfehler sein können).

… aus Deutschland:

Das Wörterbuch des Viktor Vau“ von Gerd Ruebenstrunk

Professor Viktor Vau ist ein Einzelgänger mit leicht autistischen Zügen. Von einigen Kollegen belächelt, setzt er Sprache zur Behandlung von Geisteskrankheiten ein. Aus persönlicher Leidenschaft heraus hat er eine eigene Sprache entwickelt, die keine Ungenauigkeiten zulässt. Denn: „Es ist seit jeher eines der großen Probleme der Wissenschaften, dass wir in einer Sprache gefangen sind, die nur unzureichend in der Lage ist, die Wirklichkeit detailgetreu wiederzugeben. Das beginnt bei einfachen Alltagsbegriffen. Nehmen wir das Wort Amsel. Was ist damit gemeint? Eine männliche Amsel, eine weibliche Amsel oder ein Amselküken? Und was bedeutet der Satz >Siehst du die Amsel dort?<? Wo ist dort? Sitzt die Amsel oder fliegt sie? All das kann unsere Sprache nicht erfassen.“ (S.38)
Seine Sprache kann das.

Eines Tages landet eine Raumkapsel in Afrika, deren Ursprung unbekannt ist. Sie besteht aus auf der Erde unbekannten Substanzen und enthält eine Botschaft in einer rätselhaften Schrift. Zahlreiche Wissenschaftler rücken an, darunter auch Viktor Vau. Und dieser muss feststellen, dass es sich dabei um seine Schrift handelt, die bis jetzt niemand außer ihm selbst kennt. Noch erschreckender ist, was er dort nun lesen muss…
Mehr kann man jetzt gar nicht erzählen, ohne zu viel zu verraten. Es bleibt die Frage, was es mit der Kapsel auf sich hat, ob sie von Ausserirdischen stammt oder aus der Zukunft oder ob es eine ganz andere Lösung gibt. Erwähnenswert ist auch noch, dass die Geschichte nicht in unserer Gegenwart spielt, sondern in einem zukünftigen Überwachungsstaat, in dessen Visier nun Viktor Vau gerät.

Spannend, intelligent, philosophisch, lehrreich (es gibt einige sehr aufschlussreiche Informationen über die Sprache und das Gehirn), also klare Leseempfehlung!

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Die Stadt“ von Andreas Brandhorst

Andreas Brandhorst kannte ich bisher nur als Übersetzer der Pratchett-Romane. Aber in Zukunft werde ich bestimmt noch einige seine eigenen Romane lesen, denn dieser hier hat mir sehr gefallen!

An seinem vierzigsten Geburtstag stirbt Benjamin. Er kann sich nur noch an einen Autounfall erinnern, bei dem auch seine Frau ums Leben kam, und erwacht ohne sie in einer grauen Stadt. Eine Frau namens Louise begrüßt ihn mit den Worten: „Willkommen im Jenseits.“
Alle Menschen, denen er begegnet, sind Verstorbene, aber keiner weiß eine sichere Antwort auf die Frage, wo sie sich befinden. Ist das das Paradies? Immerhin gibt es einen Supermarkt, der sich von selbst neu auffüllt. Eine dort herrschende Gemeinschaft geht davon aus, dass sie sich in einer Art Limbus befinden, in dem erst noch entschieden wird, wer in den Himmel und wer in die Hölle kommt. Es gibt auch Theorien über Ausserirdische, die sie für ein Experiment benutzen. Vielleicht liegt er aber im Koma und träumt das alles nur?
Umgeben ist die Stadt von einem Nebel, in dem sich gefährliche Schattenwesen verbergen und ihn dadurch undurchdringlich machen. Sie sind also eingeschlossen und wissen nicht, was sich dahinter verbirgt.
Benjamin möchte sich nicht mit den Vermutungen abgeben und will herausfinden, wo er nun ist. Und wo ist seine Frau? Doch neugierige Fragen sind in der Gemeinschaft nicht erwünscht.

Auch hier eine großartige, intelligente und spannende Mischung aus Thriller und Fantasy-Roman, mit viel Philosophie und Psychologie, ebenfalls ganz klare Leseempfehlung!

Übrigens haben beide Romane ein überraschendes und befriedigendes Ende – was ja leider nicht immer der Fall ist. 😉

Die Monster von Templeton

Veröffentlicht: 17. April 2011 in Literatur, Rezensionen, Wortschatz

Auch wenn der Titel danach klingt und auch, wenn Stephen King traurig war, als das Ende des Romans in Sicht kam (wie auf dem Klappentext zitiert wird), und trotzdem gleich zu Beginn ein totes Ungeheuer aus einem See geborgen wird und es Geistererscheinungen gibt, ist „Die Monster von Templeton“ von Lauren Groff kein Horrorroman. Eher ist es ein großartiger Schmöker, in dem man voller Wonne versinken möchte.

Allein schon das Cover ist doch einfach ein Hingucker! Auch die gebunden Ausgabe hatte mich damals angezogen, die sieht nämlich so aus:

Aber ich habe auf die Taschenbuchausgabe gewartet, die nun endlich erschienen ist, und habe sie von der ersten bis zur letzten Seite genossen. Diesen Roman in eine Schublade zu stecken, ist schwer, aber ich erzähl einfach mal ein bisschen was über den Inhalt:

Wie einst ihre Mutter kehrt Willie Sunshine Upton schwanger und ohne dazugehörigen Mann zurück in ihre Heimat, das kleine Städtchen Templeton. Und gerade an diesem Morgen wird der riesige Kadaver eines der Wissenschaft unbekanntes Tiers aus dem See geborgen, das wohl bereits sehr lange dort in der Tiefe gelebt hat.
Willie hat sich schon ein Jahr nicht mehr bei ihrer Mutter, Vi, sehen lassen, und diese ist nicht besonders begeistert darüber, dass ihre Tochter sich von einem verheirateten Mann hat schwängern lassen. Doch sie freut sich darüber, ihre Tochter zu sehen und nutzt die Gunst der Stunde, um ihr etwas zu beichten: Willie nahm bisher an, dass ihr Vater irgendein Hippie aus der Kommunenzeit ihrer Mutter in San Francisco war. Nun eröffnet ihr Vi, dass sie ihren Vater kennt und er ein Bewohner von Templeton ist. Doch wer es ist, soll sie selbst herausfinden.
Und Willie macht sich nun daran, die Geschichte ihrer Familie und der Stadtbewohner zu erkunden. Dass sie ein Nachfahre des Stadtgründers Marmaduke Temple ist, weiß sie seit ihrer Kindheit, doch was für große und teils auch schreckliche Geheimnisse sich hinter der Kulisse der hübschen Kleinstadt verbergen, erfährt sie erst jetzt.
Nun entsteht ein Geflecht aus vielen Lebensgeschichten (mit Fotographien/Bildern, Briefen, Berichten und einem immer dichter werdenden Stammbaum) um den roten Faden der Gegenwart.

Dieser Roman ist eine wahre Schatzkiste, unterhaltsam, spannend und mit einer schon fast hypnotischen Atmosphäre. Lauren Groff schafft es in ihrem Debütroman, all ihren Figuren gerecht zu werden, denn man hat am Ende wirklich das Gefühl, ihnen ganz nah gewesen zu sein, weil sie so echt wirken. Ja, ich war auch bisschen traurig, als ich plötzlich schon auf der letzten Seite war. 😉

Ganz klare Leseempfehlung!