Archiv für die Kategorie ‘Rezensionen’

Durch eine Krankschreibung und ein bisschen Urlaub hatte ich jede Menge Zeit zum Lesen. Und ich habe sie genutzt… 😉

Clockwork Angel – Die Chroniken der Schattenjäger 1“ von Cassandra Clare

Nach dem großen Erfolg der „Chroniken der Unterwelt„-Trilogie (von der im November ein vierter Teil erscheint) (womit es ab dann Tetralogie heißen muss), hat Frau Clare sich nun an die Vorgeschichte der Schattenjäger gemacht. Auch hier ist schon mal das Cover wieder der Hammer! Aber nun zum Inhalt:
Wir befinden uns im Jahre 1878. Die 16jährige Waise Tessa reist nach dem Tod ihrer Tante nach London zu ihrem Bruder. Doch dort wird sie gleich von zwei merkwürdigen Frauen entführt und eingesperrt, die behaupten, Tessa hätte das Talent zur Gestaltwandlerin und sie ausbilden wollen. Erst dann würde sie ihren Bruder wiedersehen.
Dank der Schattenjäger kann sie fliehen, aber weiß noch immer nicht, wo sich ihr Bruder befindet. Und warum sie die Gabe (oder den Fluch) hat, ihre Gstalt zu verändern.
Wieder ein spannender Lesegenuss, der nur durch zwei Punkte getrübt wurde:
1. Auch wenn die Geschichte etwas anders ist, gleichen sich die Figuren mit denen der Unterweltchroniken schon sehr. Da hätte ich mich über ein bisschen mehr Kreativität der Autorin gefreut. Handwerklich war es wieder einwandfrei, der Stil flüssig und lebendig, mit einem guten Schuss Humor.
2. Die Übersetzer hätten etwas weniger Kreativität an den Tag legen sollen. Die Wortschöpfung „Klockwerk“, die das Werk durchzieht, geht mal gar nicht! Entweder hätten sie es bei „Clockwork“ belassen sollen oder eben die normale deutsche Übersetzung „Uhrwerk“ wählen sollen.
Also wer die Unterweltchroniken mochte, wird auch mit dieser neuen Trilogie (soweit ich weiß) gut unterhalten. Natürlich bleiben am Ende dieses ersten Bandes so viele Fragen offen, dass ich jetzt schon auf den zweiten Band lauere.

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Herr Mozart wacht auf“ von Eva Baronsky

Was wäre, wenn Mozart durch mysteriöse Umstände im heutigen Wien landen würde? Dieser Zeitreisengedanke wird sehr unterhaltsam in „Herr Mozart wacht auf“ durchgespielt.
Im Dezember 1791 liegt Mozart auf dem Sterbebett und erwacht 2006 in einem fremden Bett. Natürlich ist seine Verwirrung groß: Wo ist er hier gelandet? Die moderne Welt bietet einiges an Überraschungen! Er begreift es als Chance, sein unvollendetes Requiem zu beenden. Schnell findet er einen Freund, bei dem er unterkommen kann, und dank seines Talents auch die Möglichkeit, sich ein wenig Geld zu verdienen.
Dieser intelligente Debütroman macht wirklich Spaß!

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Raum“ von Emma Donoghue

Hier kann ich leider noch nicht viel erzählen, denn der Roman erscheint erst im August. Nur so viel:
Ein Junge erzählt von seinem fünften Geburtstag. Er und seine Mutter leben schon immer im „Raum“. Wenn der Mann kommt, muss er sich im Schrank verstecken.
Ein psychologisch sehr spannender Roman, über ein Schicksal, ähnlich der Fälle Kampusch und Fritzl, und das Leben der Opfer nach der Freilassung.

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Schweinehunde“ von Lotte und Soren Hammer

Zwei Kinder entdecken in einer Turnhalle fünf bestialisch ermordete Männer. Kommissar Konrad Simonsen und sein Team haben nicht nur die schwere Nuss zu knacken, was dort passiert ist, sondern auch gegen die modernen Medien zu kämpfen, die aus den Mordfällen eine Botschaft machen, die schnell zum gefährlichen Selbstläufer mutieren könnte.
Mehr möchte ich an dieser Stelle gar nicht verraten. Der Roman hebt sich mit dieser Thematik vom Thrillereinheitsbrei ab, denn neben der recht realistischen Recherchearbeit geht es auch um die Macht der Medien und das brisante Thema Selbstjustiz.
Ein spannender Thriller aus Dänemark, flott und flüssig geschrieben, mit interessanten Figuren, der zum Nachdenken anregt.

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Gute Geister“ von Kathryn Stockett

Mississippi in den 60er Jahren. Jeder Weiße, der was auf sich hält, hat schwarze Hausangestellte. Skeeter, eine 22jährige weiße Frau, ist gefrustet und entsetzt, wie ihre Mutter und ihre Freundinnen mit den Angestellten umgehen. Also beschließt sie, ein Buch über das wahre Leben der schwarzen Angestellten zu schreiben. Nun brauch sie nur noch Frauen, die den Mut aufbringen, über ihre Arbeit und ihr Leben zu berichten. Was gar nicht so leicht ist, in einer Zeit, in der ein Schwarzer oft schon zu Tode geprügelt wird, wenn er nur mal die falsche Toilette benutzt.
Ein großartiger Roman und eine aufregende Geschichtesstunde! Ähnlich wie „Die Farbe Lila“ und „Grüne Tomaten“ kommt er ohne viel Kitsch und Liebesgeschichten aus, sondern erzählt mitreissend die Geschichten von drei starken Frauen in Zeiten der extrem rassistischen Südstaaten.

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Boy 7“ von Mirjam Mous

Ein Junge erwacht in einer einsamen Gegend und weiß weder wo, noch wer er ist. Neben sich findet er nur einen Rucksack mit einem Handy. Auf der Mailbox ist eine Nachricht, von ihm selbst, die ihm rät, auf keinen Fall die Polizei zu rufen. Ein fremdes Mädchen, das gerade mit ihrem Wagen vorbei kommt, nimmt ihn mit. Aber wem kann er trauen? Und was ist passiert?
Kein Knüller, aber ein solider Jugendthriller ab 13 Jahren.

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1Q84“ von Haruki Murakami

Hui, ein schöner dicker Murakami! Schon in dieser Ausgabe besteht er aus zwei Teilen (in Japan erschienen sie in zwei Büchern), aber erst am Ende musste ich feststellen, dass es noch einen dritten Teil gibt, der im Oktober erscheint. Das offene Ende war wirklich gemein!
Wir verfolgen abwechselnd das Leben von Aomame und Tengo, beide um die 30 Jahre alt. Aomame hat einen ungewöhnlichen Job, aber die Überraschung möchte ich keinem Leser verderben. Tengo bekommt den Auftrag, ein ungewöhnliches Manuskript zu überarbeiten. Und so geht es weiter mit ungewöhnlichen Dingen im Leben der beiden Protagonisten. Und am Himmel stehen zwei Monde, die niemand zu bemerken scheint.
Ein grandioser Lesegenuss mit über 1000 Seiten (im Teil 3 kommen noch 550 dazu), den ich im Leserausch an einem Tag durchgeschwartet habe. Absolute Empfehlung!

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Das Ende der Geschichten“ von Scarlett Thomas

Nachdem mich ihre beiden anderen Romane „Troposphäre“ und „PopCo“ begeistert haben, wartete ich schon sehnsüchtig auf „Das Ende der Geschichten“. Aber war letztendlich etwas enttäuscht. Es las sich wie erwartet gut und war voller philosophischer Ideen, aber mir fehlte der rote Faden und damit die Spannung. Ein wiederkehrendes Thema im Roman ist die „Geschichte ohne Geschichte“, was Scarlett Thomas wohl gleich mal ausprobiert hat. Überhaupt hatte man manchmal den Eindruck, dass sich die Hauptprotagonistin Meg und die Autorin mit dem gleichen Problem rumplagen: Ich würde gern einen Roman schreiben, aber weiß noch nicht genau worüber und in welchem Stil.
Ein netter Lesestoff für Zwischendurch, wenn man die anderen Romane von ihr kennt und mag. Wer noch nichts von ihr gelesen hat, sollte lieber zur „Troposphäre“ greifen.

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Der Märchenerzähler“ von Antonia Michaelis

Dieser Jugendroman war eine Überraschung: Ich erwartete einen Fantasyroman (wg. Cover + Titel) und bekam eine Mischung aus Krimi und Gesellschaftsroman mit kleiner Märcheneinlage. Enttäuscht war ich nicht, denn das Ganze las sich locker und war spannend: Anna verliebt sich in den Schulaußenseiter Abel, von dem gemunkelt wird, er wäre ein Dealer. Sie findet heraus, dass er allein mit seiner kleinen Schwester lebt und freundet sich mit den beiden an. Die Mutter der Geschwister ist verschwunden und Abel wartet sehnsüchtig auf seinen 18. Geburtstag, damit das Jugendamt die beiden nicht trennen kann. Seiner kleinen Schwester (und bald ist auch Anna gespannte Zuhörerin) erzählt er nach und nach ein Märchen, in dem sich fiktive und reale Ereignisse vermischen. Auch die Morde, die in ihrem Umkreis passieren. Hat Abel etwa damit etwas zu tun?
Ein spannende Geschichte, gut geschrieben, mit der tollen Märcheneinlage, aber auch ein paar sehr zweifelhaften Aussagen für eine Teenagerlektüre. Das da geraucht wird, fand ich nicht schlimm, aber es passiert zum Beispiel eine sehr überraschende und eigentlich unverzeihliche Sache, die von Anna recht schnell hingenommen und verziehen wird. Auch die Auflösung war… hhm…

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Der heilige Eddy“ von Jakob Arjouni

Noch ein dünnes Büchlein von Herrn Arjouni, das sich an einem Abend auf dem Balkon so weggelesen hat. Die Krimikomödie handelt von Eddy, der sich in Berlin als Trickdieb durchschlägt. Mehr durch Zufall tötet er in seinem Treppenhaus einen der meistgehassteten Prominenten Berlins, den Großverdiener Horst König. Weil dessen Bodyguarts vor der Haustür stehen, steht Eddy nun vor dem Problem: Wohin mit der Leiche?
Sehr unterhaltsamer und flüssiger Lesestoff!

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Eine Klasse für sich“ von Scarlett Thomas

Was liegt, nach der etwas enttäuschenden Lektüre ihres letzten Romans näher, als zu ihrem ersten zu greifen? Weil ich den zum Geburtstag bekommen habe, konnte ich auch gleich anfangen. Hier war es wieder eine „Geschichte mit Geschichte“, was ich sehr begrüßt habe, leider mit weniger philosophischen Gedanken, als in ihren späteren Romanen. Was man aber von einem Thriller auch nicht unbedingt erwarten muss.
Lily kehrt nach einer zerbrochenen Beziehung zurück in ihre Heimatstadt und arbeitet dort als Dozentin für Kriminalliteratur. Noch vor ihrer Ankunft passiert ein brualer Mord an einer Studentin und kurze Zeit später stirbt ein Student. Da sie kurz vor seinem Tod noch mit ihm gesprochen hat und sich schuldig fühlt, ihn allein gelassen zu haben, beschließt sie, die Morde selbst zu aufzuklären.
Sehr spannender und unterhaltsamer Debütroman von der damals 26jährigen Scarlett Thomas (der leider momentan vergriffen ist)!

Sorry an jedes Suchmaschinenopfer, das wegen des Betreffs etwas über Fußball erwartet hat. 😉

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Cherryman jagt Mister White

Veröffentlicht: 26. Mai 2011 in Literatur, Rezensionen, Wortschatz

Cherryman jagt Mister White“ von Jakob Arjouni

Habe ich schon mal erwähnt, dass ich eine Schwäche für Romane von Diogenes habe? Wenn man mich nach meinem Lieblingsverlag fragen würde, würde ich wohl spontan Diogenes sagen. Ich mag die Auswahl der Autoren und die Cover. Und es ist der einzige Verlag, dessen Bücher bei mir zusammen stehen dürfen – alle anderen sind nach Genre und Autoren sortiert auf die Räume verteilt.

Aber kommen wir nun zu dem neuen Roman von Jakob Arjouni, ein dünnes Büchlein mit 168 Seiten, das es in sich hat!

Der 18jährige Rick schreibt einen Bericht für den Kriminalpsychologen Dr. Layton. Über das, wofür er verhaftet wurde, was ihn nachts in seiner Zelle nicht schlafen lässt, weil die Bilder immer wieder kommen, und wofür ihn die Presse als „Massakerman“ bezeichnet. Was passiert ist, erfahren wir nun nach und nach.

Ich hatte die vier schon von weitem gesehen und gehofft, sie wären zu beschäftigt oder zu blau, um mich zu bemerken. Heiko, Mario, Robert und Vladimir. Statt wie üblich die Abkürzung über die Wiese zu nehmen, folgte ich dem Kiesweg und machte einen weiten Bogen um sie. Aber ich hatte nicht bedacht, wie laut der Kies an einem windstillen, trockenen Tag unter meinen Schritten knirschen würde.“ (S. 9)

Rick lebt in einem Kaff in Brandenburg, nahe bei Berlin, bei seiner (nicht leiblichen) Tante Bambusch. Seine Eltern sind bei einem Autounfall verstorben. Seit einem Jahr sucht er schon nach einer Lehrstelle. Nun machen ihm ausgerechnet die vier Jungs, denen er lieber aus dem Weg geht (nicht zuletzt, weil sie aus Spaß seine Katze getötet haben), ein Angebot: Sie kennen jemanden, der einen Gärtnerlehrling sucht. In Berlin. Zwar ist ihm dieser Pascal, der die Lehrstelle vermittelt, unsympathisch, aber für diese traumhafte Chance nimmt er das in Kauf. Auch das merkwürdige politische Gequatsche über Nationalstolz und die Ankündigung, dass er ihm für den Job einen Gefallen schuldig ist. Bis er dann eine Weile später, wo er Spaß bei der Arbeit und sich in die hübsche Gemüsehändlerin Marilyn verliebt hat, erfährt, was er dafür tun muss…

Wow, ein knackiger und absolut glaubwürdiger Roman, der unter die Haut geht! Sehr empfehlenswert!

So was von gut!

Veröffentlicht: 25. Mai 2011 in Literatur, Neuerscheinungen, Rezensionen, Wortschatz

So was auf YouTube

So was von da“ von Tino Hanekamp

Ich befürchte, ich bin wach. Blicke auf eine Bierflasche, in der zwei Kippen schwimmen und ein Käfer. Brutalkopfschmerz. Auf dem Heizungsrohr ein Pelz aus Staub. Extrembrechreiz. Draußen knallt’s. Schließe die Augen. Es knallt noch mal. Was für ein beschissener Anfang.“ (S. 9)

So die ersten Sätze. So die ersten Minuten des 31. Dezembers, an dem wir den 23jährigen Oskar Wrobel begleiten, vom Aufwachen bis zum Blackout (bzw. dem Epilog, der ein paar Jahre später spielt).
In der Nähe der Hamburger Reeperbahn betreibt Oskar einen Club, der am nächsten Tag für immer geschlossen wird. An diesem letzten Abend soll es nochmal richtig abgehen. Doch plötzlich hat er nicht nur mit der Organisation alle Hände voll zu tun, sondern auch mit dem brutalen Kiezkalle, der Geld von ihm möchte, eine Menge Geld!, einem besten Freund, der seinen Ruhm als Musiker nicht verkraftet, und die immer wiederkehrenden Gedanken an Mathilda, seine Exfreundin…
Sehr nett fand ich übrigens, dass „Betty Blue“ von Djian als Lieblingsbuch von Oskar und Mathilda erwähnt wird!

Ein wilder und lebendiger Roman, großartig geschrieben und so stimmungsvoll wie eine unvergessliche durchzechte Nacht! Und Tino Hanekamp weiß wovon er schreibt, denn er ist Betreiber des Musikclubs „Uebel & Gefährlich“ in Hamburg. Hier gibts ein Interview mit ihm über den Roman.
Übrigens sind die Seiten 286 – 300 mit Absicht nicht bedruckt (ich hab beim Verlag nachgefragt, weil ich zu dem Zeitpunkt noch keinen Hinweis darüber im Netz gefunden habe – hätte ja auch ein Druckfehler sein können).

… aus Deutschland:

Das Wörterbuch des Viktor Vau“ von Gerd Ruebenstrunk

Professor Viktor Vau ist ein Einzelgänger mit leicht autistischen Zügen. Von einigen Kollegen belächelt, setzt er Sprache zur Behandlung von Geisteskrankheiten ein. Aus persönlicher Leidenschaft heraus hat er eine eigene Sprache entwickelt, die keine Ungenauigkeiten zulässt. Denn: „Es ist seit jeher eines der großen Probleme der Wissenschaften, dass wir in einer Sprache gefangen sind, die nur unzureichend in der Lage ist, die Wirklichkeit detailgetreu wiederzugeben. Das beginnt bei einfachen Alltagsbegriffen. Nehmen wir das Wort Amsel. Was ist damit gemeint? Eine männliche Amsel, eine weibliche Amsel oder ein Amselküken? Und was bedeutet der Satz >Siehst du die Amsel dort?<? Wo ist dort? Sitzt die Amsel oder fliegt sie? All das kann unsere Sprache nicht erfassen.“ (S.38)
Seine Sprache kann das.

Eines Tages landet eine Raumkapsel in Afrika, deren Ursprung unbekannt ist. Sie besteht aus auf der Erde unbekannten Substanzen und enthält eine Botschaft in einer rätselhaften Schrift. Zahlreiche Wissenschaftler rücken an, darunter auch Viktor Vau. Und dieser muss feststellen, dass es sich dabei um seine Schrift handelt, die bis jetzt niemand außer ihm selbst kennt. Noch erschreckender ist, was er dort nun lesen muss…
Mehr kann man jetzt gar nicht erzählen, ohne zu viel zu verraten. Es bleibt die Frage, was es mit der Kapsel auf sich hat, ob sie von Ausserirdischen stammt oder aus der Zukunft oder ob es eine ganz andere Lösung gibt. Erwähnenswert ist auch noch, dass die Geschichte nicht in unserer Gegenwart spielt, sondern in einem zukünftigen Überwachungsstaat, in dessen Visier nun Viktor Vau gerät.

Spannend, intelligent, philosophisch, lehrreich (es gibt einige sehr aufschlussreiche Informationen über die Sprache und das Gehirn), also klare Leseempfehlung!

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Die Stadt“ von Andreas Brandhorst

Andreas Brandhorst kannte ich bisher nur als Übersetzer der Pratchett-Romane. Aber in Zukunft werde ich bestimmt noch einige seine eigenen Romane lesen, denn dieser hier hat mir sehr gefallen!

An seinem vierzigsten Geburtstag stirbt Benjamin. Er kann sich nur noch an einen Autounfall erinnern, bei dem auch seine Frau ums Leben kam, und erwacht ohne sie in einer grauen Stadt. Eine Frau namens Louise begrüßt ihn mit den Worten: „Willkommen im Jenseits.“
Alle Menschen, denen er begegnet, sind Verstorbene, aber keiner weiß eine sichere Antwort auf die Frage, wo sie sich befinden. Ist das das Paradies? Immerhin gibt es einen Supermarkt, der sich von selbst neu auffüllt. Eine dort herrschende Gemeinschaft geht davon aus, dass sie sich in einer Art Limbus befinden, in dem erst noch entschieden wird, wer in den Himmel und wer in die Hölle kommt. Es gibt auch Theorien über Ausserirdische, die sie für ein Experiment benutzen. Vielleicht liegt er aber im Koma und träumt das alles nur?
Umgeben ist die Stadt von einem Nebel, in dem sich gefährliche Schattenwesen verbergen und ihn dadurch undurchdringlich machen. Sie sind also eingeschlossen und wissen nicht, was sich dahinter verbirgt.
Benjamin möchte sich nicht mit den Vermutungen abgeben und will herausfinden, wo er nun ist. Und wo ist seine Frau? Doch neugierige Fragen sind in der Gemeinschaft nicht erwünscht.

Auch hier eine großartige, intelligente und spannende Mischung aus Thriller und Fantasy-Roman, mit viel Philosophie und Psychologie, ebenfalls ganz klare Leseempfehlung!

Übrigens haben beide Romane ein überraschendes und befriedigendes Ende – was ja leider nicht immer der Fall ist. 😉

Die Monster von Templeton

Veröffentlicht: 17. April 2011 in Literatur, Rezensionen, Wortschatz

Auch wenn der Titel danach klingt und auch, wenn Stephen King traurig war, als das Ende des Romans in Sicht kam (wie auf dem Klappentext zitiert wird), und trotzdem gleich zu Beginn ein totes Ungeheuer aus einem See geborgen wird und es Geistererscheinungen gibt, ist „Die Monster von Templeton“ von Lauren Groff kein Horrorroman. Eher ist es ein großartiger Schmöker, in dem man voller Wonne versinken möchte.

Allein schon das Cover ist doch einfach ein Hingucker! Auch die gebunden Ausgabe hatte mich damals angezogen, die sieht nämlich so aus:

Aber ich habe auf die Taschenbuchausgabe gewartet, die nun endlich erschienen ist, und habe sie von der ersten bis zur letzten Seite genossen. Diesen Roman in eine Schublade zu stecken, ist schwer, aber ich erzähl einfach mal ein bisschen was über den Inhalt:

Wie einst ihre Mutter kehrt Willie Sunshine Upton schwanger und ohne dazugehörigen Mann zurück in ihre Heimat, das kleine Städtchen Templeton. Und gerade an diesem Morgen wird der riesige Kadaver eines der Wissenschaft unbekanntes Tiers aus dem See geborgen, das wohl bereits sehr lange dort in der Tiefe gelebt hat.
Willie hat sich schon ein Jahr nicht mehr bei ihrer Mutter, Vi, sehen lassen, und diese ist nicht besonders begeistert darüber, dass ihre Tochter sich von einem verheirateten Mann hat schwängern lassen. Doch sie freut sich darüber, ihre Tochter zu sehen und nutzt die Gunst der Stunde, um ihr etwas zu beichten: Willie nahm bisher an, dass ihr Vater irgendein Hippie aus der Kommunenzeit ihrer Mutter in San Francisco war. Nun eröffnet ihr Vi, dass sie ihren Vater kennt und er ein Bewohner von Templeton ist. Doch wer es ist, soll sie selbst herausfinden.
Und Willie macht sich nun daran, die Geschichte ihrer Familie und der Stadtbewohner zu erkunden. Dass sie ein Nachfahre des Stadtgründers Marmaduke Temple ist, weiß sie seit ihrer Kindheit, doch was für große und teils auch schreckliche Geheimnisse sich hinter der Kulisse der hübschen Kleinstadt verbergen, erfährt sie erst jetzt.
Nun entsteht ein Geflecht aus vielen Lebensgeschichten (mit Fotographien/Bildern, Briefen, Berichten und einem immer dichter werdenden Stammbaum) um den roten Faden der Gegenwart.

Dieser Roman ist eine wahre Schatzkiste, unterhaltsam, spannend und mit einer schon fast hypnotischen Atmosphäre. Lauren Groff schafft es in ihrem Debütroman, all ihren Figuren gerecht zu werden, denn man hat am Ende wirklich das Gefühl, ihnen ganz nah gewesen zu sein, weil sie so echt wirken. Ja, ich war auch bisschen traurig, als ich plötzlich schon auf der letzten Seite war. 😉

Ganz klare Leseempfehlung!

Kavka vs. Nagel

Veröffentlicht: 7. April 2011 in Literatur, Rezensionen, Wortschatz

Direkt hintereinander hab ich „Rottenegg“ von Markus Kavka und „Was kostet die Welt“ von Nagel gelesen. Da die Romane einige Ähnlichkeiten haben, lohnt sich der Vergleich:

Worum geht es: Nachdem Gregor Herzl an einem Tag seinen Job als Moderator bei einem Musiksender und seine Freundin verloren hat, daraufhin eine Art Zusammenbruch erlebt, beschließt er, sich eine Auszeit zu nehmen. Er läßt Berlin hinter sich und zieht erstmal wieder zurück zu seinen Eltern in die Bayrische Provinz. Dort versucht er sich neu zu sortieren, an alte Freundschaften anzuknüpfen, ein Buch über die Musikindustrie zu schreiben und über seine Ex-Freundin hinweg zu kommen.

Schreibstil: Gut! Der Roman liest sich leicht und flüssig. Auch wenn betont wird, dass alle Personen, „besonders die Hauptfigur“, frei erfunden sind, hab ich natürlich die ganze Zeit Kavka als Erzähler im Kopf gehabt. Gefallen hat mir, wie unaufgeregt er z.B. über Drogen schreibt, etwas gestört hat mich manchmal der geschriebene Dialekt, aber er passt einfach zur Geschichte.

Worum geht es: Meise hat 15.000 Euro von seinem Vater geerbt und sich vorgenommen, das Geld nur für Reisen auszugeben, die sein Vater nie unternommen hätte. Zurück in Berlin stellt er fest, dass noch etwas Geld übrig ist. Die letzten 1.000 Euro sollen nun für einen Besuch bei einer Reisebekanntschaft draufgehen. Und so kommt es, dass er ein Wochenende auf einem Weingut im Moseltal verbringt, bei einem Typen, den er eigentlich kaum kennt, dessen Freundin und Familie. Das bietet einigen Stoff, um über sein Leben nachzudenken.

Schreibstil: Ich bin begeistert! Endlich mal wieder einer, der nicht nur erzählt, der nicht nur einem geraden Handlungsstrang folgt, sondern kunstvoll mit Worten und Sätzen um ihn herumtanzt, ohne ihn dabei aus den Augen zu verlieren. Mit spannenden und überraschenden Gedanken. Knackig, bissig, interessant!

Und nun der abschließende Schnitzel-Vergleich:
Rottenegg“ ist ein wirklich gutes Schnitzel, nicht zu fettig oder trocken, und macht satt.
Was kostet die Welt“ ist ein saftiges Gourmet-Schnitzel, perfekt gebraten, mit einer knusprigen Panade und tollen Gewürzen abgeschmeckt. Ein Schnitzel, von dem man noch Jahre später schwärmt!

Guten Appetit! 😉

Eigentlich keine Neuigkeit, wenn es sich denn um das „RTL Dschungelcamp“ mit seinen gruseligen Gästen handeln würde, aber ich meine den neuen Roman von Brian Keene, der da „Verschollen“ heißt.

Das Prinzip ist ähnlich: Eine amerikanische Reality-TV-Show („Castaways“), bei der die Kandidaten auf einer kleinen Insel im Südpazifik auf Schritt und Tritt gefilmt werden, Aufgaben erfüllen müssen und rausgewählt werden, bis nur noch einer übrig bleibt, der eine Million Dollar gewinnt.
Nur ist die Insel leider nicht unbewohnt, wie sich während eines Unwetters herausstellt, denn eine Horde von menschenähnlichen Wesen macht sich auf die Jagd nach Fleisch und Frauen für die Auffrischung ihres Genpools.

Im  Nachwort erzählt Keene, dass die Geschichte ursprünglich mal eine Kurzgeschichte war, die er anlässlich des Todes seines Freundes und Mentors Richard Laymon für eine Anthologie geschrieben hat. Nicht zuletzt im Internet wurde er immer wieder von Lesern gefragt, ob er daraus nicht einen Roman machen könnte. Und das hat er nun getan.

Tja, was soll ich sagen… ist halt ein unterhaltsamer Splatter-Roman mit zwei Sorten von Monstern (geltungsbedürftigen Kandidaten und primitiven Bestien), mit viel Blut, Gewalt und Sex… wie man es auch von Laymon kennt, der gerade bei diesem Roman sein Vorbild war. Allerdings, das muss man Keene zu Gute halten, gibt es bei ihm nicht so unglaubwürdige (und häufige) (und dadurch nervige) Beischlafszenen wie bei Laymon. Bei dem hatten irgendwie alle Figuren sofort und ständig Sex. Teilweise ging das dann fast so absurd wie hier ab:

Stroh auf YouTube

Mein Fazit: Kann man lesen, wenn man mal Lust auf trashigen Monsterhorror und einem Promi Dinner der besonderen Art hat. 😉