Blut, Strom und Zeitreisen

Veröffentlicht: 18. Mai 2012 in Jugendbuch, King, Neuerscheinungen, Rezensionen, Thriller/Horror, Wortschatz

Vatermord und andere Familienvergnügen“ von Steve Toltz
Wo also soll ich mit dem Bericht unserer schrecklichen Odyssee ansetzen? Mach’s nicht zu kompliziert, Jasper. Vergiss nicht, dass die Vereinfachung komplexer Zusammenhänge die Menschen zufriedenstellen, nein, geradezu begeistern. Abgesehen davon, meine Geschichte ist verdammt gut – und zudem auch noch wahr. Ich weiß nicht, warum, aber darauf scheinen die Leute Wert zu legen. Mich selber hingegen würde es vor Neugier kaum auf dem Stuhl halten, wenn mir einer sagen würde: >Ich muss dir ’ne tolle Geschichte erzählen, und jedes Wort davon ist glatt gelogen!<
Ich kann es genauso gut jetzt zugeben: Was folgt, handelt zu gleichen Teilen von meinem Vater wie von mir. Ich finde es grässlich, dass niemand seine Lebensgeschichte erzählen kann, ohne seinen Erzwidersacher zu einer Berühmtheit zu machen, aber das liegt nun mal in der Natur der Sache. Und die Sache ist die: Ganz Australien verachtet meinen Vater wohl wie keinen Zweiten, genauso wie sie seinen Bruder, meinen Onkel, wie keinen Zweiten verehren.“ (S. 13)
Mehr sollte man über diesen Roman gar nicht wissen, bevor man mit dem Lesen beginnt, denn dann erwartet einen ein wilden Trip voller Überraschungen. Dieser dauert fast 800 Seiten an, ist herrlich schräg, spannend, intelligent und einfach nur verdammt gut! LESEN!!!

Die Tribute von Panem 1 & 2 & 3“ von Suzanne Collins
Ja, ich hab sie gelesen, alle drei Teile. Und sogar recht flott hintereinander. Der erste war toll, der zweite schon etwas weniger und der dritte… na ja…
Durch nicht näher erläuterte Umstände wird Nordamerika in einer fernen Zukunft „Panem“ heißen und vom „Kapitol“ beherrscht. Nach einem Aufstand wurden aus den einst dreizehn Distrikten nur noch zwölf Distrikte, die in relativer Armut im Gegensatz zum luxuriösem Kapitol leben. Und jedes Jahr finden, in Erinnerung an diesen Aufstand, die „Hungerspiele“ statt, in dem aus jedem Distrikt ein Junge und ein Mädchen ausgelost werden. Diese 24 Kinder kämpfen dann in den Hungerspielen gegeneinander. 23 sterben und der Sieger und sein Distrikt werden reich belohnt.
Als die kleine Schwester von Katniss gezogen wird, meldet sie sich freiwillig als Tribut, um ihre Schwester zu verschonen. Und die 74. Hungerspiele um Leben und Tod beginnen.
Mehr kann man nun gar nicht erzählen, ohne die Geschichten der zwei weiteren Bände zu verraten.
Der erste Band war noch eine bitterböse Satire auf die ganzen Castingshows, der zweite fast nur noch ein neuer Aufguss und der dritte Teil ist dann eher ein Kriegsbericht, in dem viele Charaktere vollkommen verändert wirken, was dem Ganzen die Glaubwürdigkeit nimmt.
Die Verfilmung des ersten Teils war übrigens eine ziemlich Enttäuschung.

Die schöne Kunst des Mordens“ von Jeff LindsayACHTUNG: Voller „Dexter“-Spoiler!
Der vierte „Dexter„-Roman.
Es ist schon eine komische Sache, wenn man sowohl die TV-Serie als auch die Roman-Reihe über den sympathischen Serienkiller Dexter Morgan verfolgt. Denn ab dem zweiten Band/der zweiten Staffel gehen beide Varianten verschiedene Wege. In der TV-Serie wird Dexter Vater und Rita stirbt, in den Romanen lebt sie weiter, aber ihre beiden Kinder aus erste Ehe werden zu Dexters Schülern, was ich etwas befremdlich finde. Im Roman weiß seine Schwester von seiner düsteren Leidenschaft, in der Serie nicht – und in den Romanen kommt sie zu dem auch noch recht unsympathisch rüber, was sie im TV nicht ist. Auch sonst gibt es noch einige Unterschiede. Dennoch ist der Stil (besonders auch der trockene Humor) sehr ähnlich, und während des Lesens sieht und hört man eben den TV-Dexter.
Ok, worum gehts es in diesem Roman?
Ein neuer und ziemlich kreativer Serienkiller treibt in Miami sein Unwesen. Er dekoriert die Leichen und hinterlässt davon Videos auf YouTube. Und auch eines von Dexter beim Morden…
Wer die Reihe und/oder die Serie kennt, den erwartet ein unterhaltsamer Thriller. Ich persönlich mag die TV-Serie mehr.

Blackout“ von Marc Elsberg
Ein Horrorroman ohne Monster. Nur ein erschreckend realistischer Roman über eine Welt ohne Strom. Etwas, was hoffentlich niemals passiert, aber nicht ausgeschlossen ist. Ein ähnliches Thema hatte schon der großartige „Rattentanz“ von Michael Tietz.
Auch hier war die Recherche außerordentlich gründlich, es gibt so viele Dinge, über die man sich noch nie ernsthafte Gedanken gemacht hat. Innerhalb von zwei Tagen wäre die Welt, die wir kennen, eine vollkommen andere und sehr viel härtere Welt.
In Europa fällt, durch einen terroristischen Anschlag, nach und nach der Strom aus. Wir begleiten einige Personen, auch die Attentäter, über mehrere Tage. Es gibt weder Strom, noch Wasser, noch Heizung. Und schnell schlägt die anfängliche Solidarität und Hilfsbereitschaft der Menschen untereinander in Gewalt und Abzocke um.
Spätestens ab der Hälfte des Buches spielt man mit dem Gedanken, sich einen großen Vorrat an Batterien, Wasser und Konserven anzulegen.
Ein schrecklich spannender Roman!

Okkult“ von Peter Straub
Ein harter Knochen. Aber ich hab mich durchgebissen.
Gelohnt hat es sich allerdings nicht.
Ich mochte Peter Straubs Zusammenarbeit mit Stephen King, gemeinsam haben die beiden „Der Talismann“ und „Das schwarze Haus“ geschrieben, zwei wirklich gute Romane, an die ich mich nach all den Jahren noch sehr gut erinnern kann. Es soll irgendwann auch noch einen dritten Teil geben, auf den ich mich jetzt schon freue. Das war wohl der Grund, der mich zu diesem erst kürzlich erschienen Roman greifen ließ. Auch der Klappentext klang spannend:
Der charismatische Campus-Guru Spencer Mallon nutzt die Ergebenheit seiner jungen Anhänger schamlos aus – auch um sexuelle Gefälligkeiten zu erhalten. Als er eines Tages mit seinen Verehrern ein okkultes Ritual abhält, kommt es zur Katastrophe: Zurück bleiben eine zerstückelte Leiche und die zerrütteten Seelen der Teilnehmer an der teuflischen Messe …
Leider ist die Geschichte dahinter einfach nicht spannend, nur ziemlich verworren. Was nach Horrorthriller klingt, ist eine anstrengende Reise voller Zeitsprünge – hin und zurück. Das erste Viertel macht noch irgendwie Spaß und man ist neugierig darauf, was nun wirklich passiert ist, aber der Weg dahin wird immer langatmiger und was man dann zu guter Letzt erfährt, ist weder großartig überraschend, noch interessiert einen dann besonders…
Meine einzige Empfehlung: Finger weg. Lohnt sich nicht.

SaRg niemals nie“ von Dan Wells
Seine Trilogie über den jugendlichen Serienkiller war der Hammer, der Einzelroman („Du stirbst zuerst„) danach enttäuschend. Also waren meine Erwartungen nicht besonders groß. Zumal es sich hier auch noch einen „witzigen Vampirroman“ handelt, der um 1800 spielt… hhm… das schreit nach einer weiteren Enttäuschung. Aber: Mitnichten! Schon in seinen anderen Romanen schwang ein angenehmer schwarzer Humor durch die Zeilen, aber hier gibt er alles und hat mich an die richtig guten Romane von Christopher Moore erinnert. Tolle Situationkomik, die, ohne platt zu wirken, einfach nur Spaß macht!
Frederick Whithers gelingt die Flut aus dem Gefängnis. In einem Sarg. Und als er aus diesem mitten in der Nacht entsteigt, halten ihn Vampire für den Erhabenen, ihren Obervampir. Sein bester Freund und Verbündeter auf der Flucht vor den Vampiren und dem wahren Obervampir wird John Keats, ein poetischer Wundarzt. Später kommt auch noch die junge Mary Shelley hinzu, die Körperteile von Leichen sammelt.
Ein schräges und äußerst unterhaltsames Lesevergnügen!

Mein böses Herz“ von Wulf Dorn
Der vierte Roman von Herrn Dorn, diesmal für Jugendliche ab 14 Jahren. Und aus der Sicht eines Mädchens geschrieben. Auch hier war meine Erwartung etwas verhalten, seine ersten beiden Romane haben mir sehr gut gefallen, aber der dritte war etwas schwach. Doch „Mein böses Herz“ war wieder ein wirklich spannender und gutgeschriebener Thriller! Die sechszehnjährige Doro hat einen Aufenthalt in der Psychiartrie hinter sich, als sie mit ihrer Mutter aufs Land zieht. Der Tod ihres kleinen Bruders, den sie eines Morgens leblos im Bett vorfand, hat sie ziemlich mitgenommen. Zumal sie noch immer nicht weiß, was am Vorabend, als sie auf das Kleinkind aufpassen sollte, wirklich passiert ist. Ob sie vielleicht Schuld am seinem Tod ist.
Eines Abends taucht in dem Schuppen neben ihrem Haus ein verstörter Junge auf, der von etwas „Bösem“ stammelt, das hinter ihm her ist. Und schon ist er auch wieder verschwunden. Richtig unheimlich wird es, als sie erfährt, dass der Junge, den sie dort sah, ein paar Tage zuvor verstorben ist…
Man merkt auch hier wieder, dass Herr Dorn sich sehr gut mit der Psyche des Menschen und psychiartischen Kliniken auskennt, und, zum Glück, überhaupt nicht, dass da ein erwachsener Mann aus der Sicht eines jungen Mädchens geschrieben hat. Ein richtig toller Thriller mit Sommerfeeling!

Ich bin ein Genie und unsagbar böse“ von Josh Lieb
Ok, ich bin kein 12jähriger Junge, also nicht die eigentliche Zielgruppe. Aber ich mag Romane über schräge und altkluge Jungs. Trotzdem das so ein Roman ist, mit viel bissigem Humor, wurde ich mit dem kleinen, unsagbar bösem Genie nicht wirklich warm. Er war mir zu viel Genie (der mit 12 Jahren der drittreichste Mensch der Welt ist, weil er sich schon in ganz jungen Jahren, dank seiner Intelligenz, ein geheimes Imperium aufgebaut hat und als nächstes Ziel die Weltherrschaft anstrebt) und zu unsagbar böse. Oder eigentlich nur unsagbar traurig, ohne sich selbst dessen bewußt zu sein. Zum Glück hat sich das dann zum Ende hin etwas relativiert. Und seine fiesen Streichen haben auch einiges Gute bewirkt. Trotzdem. Auch wenn der Autor sonst für die Simpsons schreibt und dieser Humor in manchen Szenen angenehm durchblitzte, auch wenn die Bilder (zwischendurch gibt es immer wieder Fotografien, die sich auf die Handlungen beziehen) und einige Ideen echt unterhaltsam waren, hat mich der Roman einfach nicht richtig begeistern können.

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Kommentare
  1. Stephan sagt:

    Nach langem Hin und Her habe ich mich nach Deiner Rezension für „Mein böses Herz“ als eine meiner nächsten Urlaubslektüren entschieden. Ich bin gespannt!
    Als zweiten nehme ich mir „Der Seelensammler“ mit. Liegt schon seit einem Jahr hier rum. Halt‘ dich auf dem Laufenden. 🙂

  2. Mardou sagt:

    „Mein böses Herz“ ist als Urlaubslektüre eine sehr gute Wahl, allerdings sind die Zielgruppe für den Roman eher weibliche Teenager… aber er wird Dir schon gefallen! 😉
    Empfohlen hätte ich Dir allerdings „Vatermord und andere Familienvergnügen“, einer der besten Romane, die ich in den letzten Jahren gelesen hab!!!
    Den „Seelensammler“ kenn ich leider nicht, aber berichte dann mal. 🙂

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