Echte und falsche Sterne am literarischen Nachthimmel

Veröffentlicht: 31. Mai 2012 in Jugendbuch, Literatur, Neuerscheinungen, Rezensionen, Thriller/Horror, Wortschatz

Damit sich nicht wieder so ein großer Stapel anhäuft, gibt es jetzt schon druckfrischen Nachschub:

Die Kometenjäger“ von Marc Deckert
Dieser Roman war eine echte Überraschung. Ganz unscheinbar stand er zwischen all den Leseexemplaren bei uns in der Filiale, mit zerrissenem Einband, und einem knappen Klappentext:
Es muss dunkel sein …

Sehen ist schwieriger als Glauben. Ohne meinen Freund Tom hätte ich das wohl nie begriffen. Ohne ihn wäre mir zum Beispiel für immer verborgen geblieben, wie viele Phasen, Nuancen und Zwischenräume die Dunkelheit hat. Und erst recht hätte ich niemals erfahren, was wirklich danach kommt …

… wenn wir die Sterne am Himmel erkennen wollen.
Ich hab die erste Seite überflogen, mein Interesse war geweckt, hab den Bucheinschlag mit Tesa geflickt und ihn adoptiert.
Der Dank war eine wirklich tolle und sympathische Geschichte + einem kleinen Einführungskurs in die Astronomie.
Philipp ist 28 und lebt und jobbt in Landsberg am Lech recht ziellos vor sich hin. Der Vater eines Freundes bietet ihm an, die Illustrationen für ein Kindersachbuch über das Weltall zeichnen. Um sich Inspiration zu holen, besucht er eine Sternwarte und begegnet dort dem einige Jahre jüngeren Tom, dessen ganze Leidenschaft die Astronomie ist. Die beiden recht unterschiedlichen jungen Männer freunden sich an. Und als Tom in einer „Sternenangelegenheit“ eine Reise in die USA unternimmt, begleitet Philipp ihn. Mehr möchte ich gar nicht verraten.
Ich hoffe, dass dieser tolle Roman ganz viele Leser findet, die danach ebenso begeistert sind wie ich, und ebenfalls wieder öfter in den Sternenhimmel schauen. Außerdem hoffe ich, dass Herr Deckert es nicht bei diesem Debütroman belässt!

Oneiros“ von Markus Heitz
Ach schön, ein neuer Markus Heitz!
Wie schlimm muss es sein, zu wissen, dass immer alle Lebewesen um einen herum sterben, sobald man einschläft… Und wie gefährlich erst, wenn man auch noch Narkoleptiker ist!
Aus diesen beiden Gedankenspielen hat Markus Heitz wieder einen spannenden Roman gezaubert.
Konstantin, ein Bestatter aus Leipzig ist mit dem Fluch der Todschläfer geschlagen, weswegen er nur wenig oder abgeschieden auf einem Boot schläft. Er ist nicht der einzige. Auch nicht der einzige, der auf der Suche nach dem außer Kontrolle geratenen Narkoleptikers ist, der eben mal versehentlich alle Insassen eines Flugzeugs umbringt.
Phantastisch, spannend, rasant, gut recherchiert (mit kurzen Märchen, Sagen und Geschichten über den Tod, die in dem Roman eingebettet sind) – wie erwartet!

Young Sherlock Holmes – Der Tod liegt in der Luft“ von Andrew Lane
Hhm… ich hatte mir etwas mehr von erhofft. Wo ich doch momentan, dank der gigantischgrandiosengroßartigen „Sherlock„-Serie in der perfekten Sherlock-Stimmung bin. Und den Film aus den 80ern von Chris Columbus, „Das Geheimnis des verborgenen Tempels„, in dem es auch um den jugendlichen Holmes geht, mag ich immer noch sehr.
In dem 14jährigen Sherlock, dem wir hier begegnen, ist der zukünftige Meisterdetektiv leider kaum zu erkennen. Es ist einfach nur ein aufgeweckter und netter Junge, der in seinen Sommerferien beim Onkel in einen Kriminalfall stolpert. Gemeinerweise ist es auch noch ein erster Teil und wird mindestens eine Trilogie. Doch ich schätze, es wird mein einziger bleiben.
Eine der interessantesten, intelligentesten und ungewöhnlichsten Figuren der Literatur muss diese Eigenschaften auch bereits als Schüler gehabt haben. Dieser Junge hat sie nicht. Der Roman ist nicht schlecht, eine gute Jugendkrimigeschichte, aber eben kein glaubwürdiger Holmes.

Identität“ von Dan Chaon
Ich bin echt überrascht, dass dieser Roman so wenig gute Rezensionen bekommen hat. Aber schätze, es liegt an dem irreführendem Wort „Thriller“ auf dem Cover. Denn wer einen klassischen rasanten Thriller erwartet, wird einfach enttäuscht sein. Dabei fängt die Geschichte ziemlich hart an: Einem Sohn wird von einem ihm Unbekannten eine Hand amputiert, weil der Vater etwas nicht sagen oder zugeben möchte.
Doch der Rest des Romanes ist relativ frei von Gewalt.
Psychodrama trifft es besser. Ich mochte die intensive Figurenzeichnung, diese schwüle, düstere und rastlose Stimmung, die an einen „Film noir“ erinnert, ich habe gespannt die drei Hauptfiguren verfolgt, die alle mit Identitätswechsel oder Identitätsraub zu tun haben. In vielen Rückblicken werden ihre Geschichten erzählt, während sie alle unterwegs sind, auf der Suche oder auf der Flucht.
Und am Ende führen alle Fäden zusammen…
Sprachlich sehr angenehm, spannende Figuren, intelligente Unterhaltung mit überraschenden Wendungen – viel besser als jeder 08/15-Thriller! Oder, um es mit Jonathan Franzen zu sagen:
Ich habe lange darauf gewartet, dass jemand mal ein richtig gutes Buch über Identitätsraub schreibt, und ich bin sehr froh, dass Dan Chaon es nun getan hat!

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